Es ist vier Uhr morgens, der Asphalt ist noch taunass, als der Kleinbus in hohem Tempo über die Landstraße donnert. Auf der Rückbank kauert eine Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht, immer wieder stöhnt sie auf. Nach nicht einmal einer Viertelstunde hat der Wagen sein Ziel erreicht, die Schiebetür wird von außen aufgerissen. Zwei Sanitäter heben Anamaria auf eine Trage und bringen sie in die Geburtsstation des Landesklinikums Neunkirchen. Die Fruchtwasserblase ist geplatzt, die Wehen kommen in immer kürzeren Abständen. "Bitte fest pressen", fordert die Hebamme die Frau auf dem Entbindungsbett auf.

Während die junge Rumänin schreit, presst, weint, versucht sich ihr Blick an etwas Vertrautem festzuklammern. Doch weder der Kindesvater noch ein Verwandter ist in diesem Moment an ihrer Seite. Bloß zwei uniformierte Justizwachebeamtinnen, die das Geschehen beobachten. Sie sind nicht hier, um Anamarias Hand zu halten oder den Schweiß von ihrer Stirn zu tupfen. Sie sind hier, um eine Flucht der jungen Mutter aus der Klinik zu verhindern. Wohl das Letzte, woran die 22-Jährige in diesen Minuten denkt. Es ist schon längst hell, bis die kleine Alina endlich zur Welt gekommen ist. Das Mädchen wird die ersten Monate seines Lebens im Gefängnis verbringen.

Vier Monate später sitzt Anamaria in ihrem Einzelzimmer im Mutter-Kind-Trakt der Justizanstalt Schwarzau und starrt auf die bunt bedruckten Vorhänge vor dem vergitterten Fenster, die kleine Alina im Arm. Anamaria ist Insassin in Österreichs einzigem Gefängnis, das über eine eigene Mutter-Kind-Abteilung verfügt.

In den vergangenen fünf Jahren kamen in österreichischen Gefängnissen sieben Kinder zur Welt. Für zehn Frauen samt Nachwuchs wäre in "der Schwarzau", wie der Knast im Jargon genannt wird, Platz. Zurzeit nutzen drei Inhaftierte das Betreuungsangebot. Anamaria ist eine von ihnen.

Insgesamt 165 Frauen sitzen hier, einige Kilometer südlich von Wiener Neustadt, hinter Gittern. So gut wie nichts erinnert in dem kleinen Trakt im Erdgeschoss des Gebäudes an ein Gefängnis. Statt tristen Gängen mit grauen PVC-Böden, Neonröhren und schweren Gittertoren leuchten hier die Wände in freundlichem Gelb. Babybilder hängen an den Wänden, die Tür zum Innenhof steht meist offen. Die MuKi, wie die Mutter-Kind-Abteilung genannt wird, hat den fröhlichen Charme einer Kinderkrippe, wie es sie Hunderte im Land gibt. Wenn da nicht eine uniformierte Justizwachebeamtin wäre, die am Gang einem Knirps auf einem Dreirad hinterhertrottet.

Jedes Mutter-Kind-Paar bewohnt ein geräumiges Zimmer mit Parkettboden und Fichtenholzmöbeln. An den Türen hängen Namensschilder, geschmückt mit pastellfarbenen Papiermäusen und Plastikvögeln. Im Freizeitraum, einer großen Wohnküche mit Waschmaschine und einer von Plüschtieren überquellenden Kuschelecke, treffen sich die Frauen zum Kaffeetrinken. Ihre Tagesgestaltung ist nicht so streng geregelt wie im normalen Vollzug. Selbst im Gefängnis gelten Mutterschutz und Karenzzeiten. Erst wenn das Kind ein Jahr alt ist, werden die Frauen wieder zum Arbeitsdienst eingeteilt. Wäscherei, Küche, Gärtnerei oder zwei Betriebe, in denen einfache Falt- und Klebearbeiten für externe Auftraggeber erledigt werden, stehen zur Auswahl. Die Kinder besuchen währenddessen einen Anstaltskindergarten.

Nein, die Schwarzau ist kein gewöhnliches Gefängnis – und das nicht nur wegen der erhöhten Plüschtierdichte. Ein zwanzig Hektar großer Park mit mächtigen Nadelbäumen säumt das aufwendig renovierte Barockschloss, in dem der spätere Kaiser Karl I. einst Zita von Bourbon-Parma ehelichte. Wie ehedem geben die Hügel der Buckligen Welt samt dem Schneeberg eine idyllische Kulisse. Obwohl die Anlage bereits seit 1957 als Frauengefängnis dient, wird das edle Mobiliar aus der Kaiserzeit im Verwaltungstrakt der Justizanstalt noch immer in Ehren gehalten. Perfekt gewienert und aufpoliert stehen die feudalen Relikte im "Kaiserin-Zita-Gedächtnisraum", wie die Wachebeamtinnen das Zimmer stolz nennen.