Spätestens um Mitternacht verschwindet Peter Kapeller und taucht ab in seine eigene Welt. Hört nicht mehr das Gedudel aus den Fernsehapparaten nebenan, die Streitereien auf der Nachbarstiege, die durch sein geöffnetes Fenster hereinwehen. Nächtliche Kakofonie des Gemeindebaus. Selbstvergessen sitzt der 40-Jährige dann an seinen klapprigen Arbeitstisch, legt ein großes Blatt Papier vor sich hin, greift sich einen Tuschestift und gräbt um in seinem Schädel.

Den Fundstücken gibt er vorsichtig tastend Gestalt. Mit sanften Strichen belebt er Quadratzentimeter um Quadratzentimeter. Akribisch vertreibt er den Horror Vacui mit filigranen Ornamenten und Figuren. Dazwischen streut er immer wieder Kalligrafien, bis eine grafische Welterklärung Gestalt annimmt. Um Krieg, Tod, Liebe, Sehnsucht, Sozialkritik kreisen die Textfragmente. Aus der Distanz betrachtet, wirken die Bilder düster und verschattet. Doch je näher man tritt, umso einprägsamer werden diese labyrinthischen Fantasielandschaften.

Bis sechs Uhr morgens arbeitet Kapellers Selbsterklärungsmaschine, dann, kurz bevor er ins Bett fällt, ist es wieder da. Sein Leben. Eine Wohnung in einem Wiener Gemeindebau in Favoriten, dem Zehnten Bezirk. 28 Quadratmeter, vom Zigarettenqualm vergilbte Wände, der Vorraum zugestellt mit Zeichenmappen, ein kleiner Wohn- und Schlafraum, der vom Zeichentisch zur Hälfte in Beschlag genommen wird, die Regale vollgepfercht mit Nippes, Büchern und Kunstmagazinen, und draußen vor der Tür die Nachbarn, die mit diesem Sonderling, der bis mittags schläft, nichts anzufangen wissen. "Psychopath", "Hochstapler", "Verrückter" haben sie den Mann schon genannt. Sie ahnen nicht, dass der Außenseiter mit der wichtigsten Auszeichnung für sogenannte Outsider-Kunst, dem Euward, gewürdigt wurde. Zum fünften Mal vergibt die Münchner Augustinum Stiftung diesen mit insgesamt 19000 Euro dotierten Preis an Künstler mit geistiger Behinderung. 500 Bewerber aus 24 europäischen Ländern reichten diesmal ein. Aus deren Arbeiten wählte im vergangenen Juni eine Jury unter dem Vorsitz von Arnulf Rainer drei Gewinner aus. Gleich zwei kommen diesmal aus Österreich. Die Oberösterreicherin Sigrid Reingruber und eben Peter Kapeller.

Am 18. November, jenem Tag, an dem eine Sammelausstellung aller Nominierten im Münchner Haus der Kunst eröffnet, wird der Wiener erfahren, ob er den Hauptpreis gewonnen hat. Doch ganz gleich, ob er den ersten oder dritten Preis mit nach Hause nimmt – für seine Nachbarn wird er wohl der schräge Vogel von der Achter-Stiege bleiben.

"Das sind alles Depperte", bricht es aus Kapeller heraus, "ein Gemeindebau ist doch nur eine Legebatterie für Wahnsinnige." Sagt’s und lässt die massige Statur in seinen weinroten Bürostuhl sinken. Der exaltierte Wüterich, die Künstler-Attitüde – allesamt Rollen, die sich Kapeller über die Jahre hinweg angeeignet hat. Doch lange hält er die Pose nicht aufrecht. "Wenn ich auf mein Leben schau, denk ich mir: Wenn ich die letzten 40 Jahre nicht gelebt hätte, wär’s auch wurscht gewesen", sagt er dann, während sein glasiger Blick einen Anker sucht, irgendwo draußen vor dem Fenster seiner Wohnung. Doch da ist nichts. Nur eine graue Hausfassade. Verwittert, verschorft ist sie, wie sein Innerstes. Peter Kapeller ist psychisch krank. Das sagen die medizinischen Befunde, die ihm in die Hand gedrückt werden. Darüber geben die Namen der Medikamente Auskunft, die Kapeller herunterbeten kann wie eine Rosenkranzlitanei: Solian-Dekapine-Zyprexa-Seroquel. Manchmal wurde ihm von den Pillen übel, manchmal legten sich die Nebenwirkungen wie ein Schraubstock um den Kopf, oft ebbten die Schwindelattacken tagelang nicht mehr ab. Doch die depressiven Phasen, die manischen Schübe ließen ihn nie los.

Seit über 20 Jahren kämpft Peter Kapeller gegen seine Dämonen. So lange hilft ihm auch das Zeichnen dabei, sein Innerstes zu sortieren, sich einen Überblick in dem kaputten Kosmos seiner selbst zu verschaffen. Über das, was draußen, in der Politik, im Leben passiert und wie sich das Erlebte an seiner Seele bricht. "Ein völlig beschissenes Leben hat mich zum Zeichnen gedrängt", erzählt der Mindestpensionist. Zurzeit lebt er von 730 Euro im Monat.

Kapellers Vater, ein Alkoholiker, stopfte die Bilder seines Sohnes in den Müll. Peter war zehn, als die Mutter starb. Nach der Hauptschule begann er eine Lehre als Heizungsinstallateur. "Doch da durfte ich nur Ritzen stemmen, kilometerlang." Mit 19 schnitt er sich die Pulsadern auf, kam in die Psychiatrie am Steinhof. Eine jahrelange Ärzteodyssee begann, mit Mitte zwanzig landete er in einem Heim für Obdachlose. Betreuer der Wiener Caritas holten ihn heraus, fanden für ihn die kleine Gemeindebauwohnung, in der er seit mittlerweile 15 Jahren lebt und zeichnet. "Es ist eine Kunst der Verzweiflung", sagt Kapeller. Gerade einmal 850 Euro hat er in den vergangenen drei Jahren mit dem Verkauf seiner Bilder verdient. 

Der künstlerische Durchbruch scheint nun, seit der Euward-Nominierung, zum Greifen nah – obwohl Kapeller lange überlegt hat, ob er seine Blätter einreichen soll. Er, der psychisch Kranke, als Teilnehmer bei einem Bewerb, der für Menschen mit geistiger Behinderung ausgeschrieben ist. Er, dem Sätze wie "Bildender Künstler kommt ja nicht von Bild, sondern von Bildung" ganz selbstverständlich über die Lippen kommen. Beeinträchtigt? Ja. Behindert? Peter Kapeller ist sich da nicht so sicher.

Ähnlich unentschieden war lange auch die Kunstwelt, wenn es darum ging, die Werke der Außenseiter in ihren Kanon zu integrieren. Schließlich waren diese Malereien und Zeichnungen bis in die 1960er herauf das Machwerk von "Schwachsinnigen", die in psychiatrischen Anstalten weggesperrt waren. Bereits um die Jahrhundertwende ließen sich Avantgarde-Künstler von den Werken der Sonderlinge inspirieren und feierten "die Wunder des Künstlergeistes, die aus den Tiefen jenseits alles Gedanklich-Überlegten heraufdämmern" (so der Grafiker Alfred Kubin). Vor 60 Jahren begann der französische Maler und Bildhauer Jean Dubuffet, sich erstmals systematisch mit den Werken aus der kaum bekannten Bilderwelt auseinanderzusetzen, und prägte dafür den Begriff der "Art Brut", der rohen Kunst. Roh, weil sie weitgehend unbeeinflusst von Markt und aktuellen Strömungen ist. Eine Kunst, die nur das Innerste, das Unbewusste zum Thema hat.

In Österreich wurden diese Schätze erstmals in der Heil- und Pflegeanstalt im niederösterreichischen Gugging gehoben. Gezielt ließ der Psychiater Leo Navratil seine Patienten ihre Kreativität am Zeichentisch entfalten, nutzte die Malerei als therapeutische Betätigung und gründete 1981 das Zentrum für Kunst-Psychotherapie, aus dem später das Haus der Künstler hervorging. Ein Potenzial, das viele österreichische Maler als Inspiration nutzen.

Seitdem ist Gugging ein Markenzeichen der Art Brut, August Walla, Oswald Tschirtner oder Johann Hauser heißen die bekanntesten Vertreter. 50000 bis 150000 Euro werden am Kunstmarkt für einen Hauser erzielt. Längst ist die Debatte darüber, ob Werke von psychisch Beeinträchtigten Kunst oder nur Gekritzel seien, verstummt. "Es gibt mittlerweile klare Qualitätskriterien: Originalität und eine gewisse Eigenwilligkeit", sagt der Maler Arnulf Rainer, der seit über 40 Jahren diese teils kuriosen Werke sammelt. Nicht jeder Autodidakt mit einem psychischen Knacks sei ein großer Künstler, meint der Vorsitzende der Euward-Jury. "Man darf nicht glauben, dass jeder, der ein Pflegefall ist, jetzt auch wichtige Sachen macht. Die Begabungen sind prozentuell nicht höher als bei der Normalbevölkerung."

Aber was ist schon normal? Ist nicht gerade ein Künstler dazu verurteilt, sich als Enfant terrible an den Rand der Gesellschaft zu stellen? Ein sozialer Außenseiter, der sich in der exzentrischen Pose des Poète maudit gefällt, der das Gewöhnliche provokant zurückweist?

Fragen, die sich Sigrid Reingruber nie gestellt hat. Wie überhaupt die junge Frau aus dem nahe Gmunden gelegenen Geschwandt kaum Notiz davon genommen hat, dass sie mit einem großen Kunstpreis ausgezeichnet wurde. Scheinbar zumindest. Im Alter von drei Jahren entzog sich das Mädchen ihrer Umwelt, hörte auf zu spielen, zu sprechen. "Anfangs fiel mir das gar nicht so auf", erzählt ihre Mutter, eine 54-jährige Gymnasiallehrerin. Doch kurz darauf kam die Diagnose der Ärzte: Autismus.

Skeptisch, prüfend beäugt die heute 30-Jährige mit schönen, blauen Augen die Welt, im Nu tauchen dann unter ihrem hellbraunen Haarschopf tiefe Stirnfalten auf. Spricht man sie an, echot ihre dünne Stimme nur die Fragen des Gegenübers. Ihr Schutzmantel ist ein fixer Tagesablauf. Seit 15 Jahren gehört die Arbeit in der Tagesheimstätte der Lebenshilfe Gmunden dazu. Um Punkt halb neun setzt sie sich hinter ihren Tisch im Atelier, legt ein Dutzend Farbstifte und Wachsmalkreiden vor sich hin, streng parallel nebeneinander ausgerichtet. Sie wählt ein Zeicheninstrument aus und zieht einen Kreis. Immer und immer wieder gleitet die rechte Hand wie bei einer Schwungübung über das Papier. Bis sie irgendwann einen neuen Kreis beginnt. In einer stillen Meditation versunken, blickt sie währenddessen auf das unbefleckte weiße Zentrum. Als würde sie versuchen, ihre eigene Mitte zu umkreisen, einzukreisen. Manchmal streicht sie den Ring mit dicken Balken durch oder fügt Dreiecke in den runden Käfig. "Das hat einfach eine sehr starke Gestaltungskraft, ist sehr intensiv", begründet Arnulf Rainer die Entscheidung der Euward-Jury. Ferdinand Reisenbichler, der Leiter des Lebenshilfe-Ateliers, drückt das etwas bodenständiger aus: "Ich find das einfach faszinierend, dass jemand 15 Jahre nur Kreise malt."