Selbst ein Würstelstand sieht in Hietzing ein wenig vornehmer aus als in den übrigen Stadtteilen von Wien. Im 13. Bezirk gehen die Menschen noch vor großbürgerlicher Kulisse ihren Geschäften nach. Auf dem Hauptplatz des Bezirks versprechen die goldenen Lettern des Café Dommayer Altwiener Mehlspeisenduft, daneben bürgt der Name des Traditionsgastronomen Plachutta für erstklassige Tafelspitzqualität. In Hietzing ist einfach mehr Pastell als sonst wo in Wien.

Doch geht es in die Wahlzelle, scheinen die vornehmen Fassaden der Hietzinger Herrenhäuser für die Volkspartei nicht mehr viel wertvoller zu sein als Pappmaché. Die Konservativen stürzten bei der Gemeinderatswahl in ihrer Bastion auf 28,8 Prozent ab, in der Bezirksvertretung sackten sie auf 36,5 Prozent ab. Die Welt ist für die Wiener ÖVP nicht einmal mehr in ihrem ureigensten Revier in Ordnung. Selbst hier muss man heute die Lainzer Straße weit hinausfahren, vorbei an vielen schönbrunngelben Häusern, um noch einen konservativen Stammwähler zu treffen.

Robert Nemling sitzt gerade beim Frühstück. "Ich dachte, das sei eine Volkspartei, die eine Mehrheit erringen will", ärgert sich der pensionierte Versicherungsdirektor: "Dann soll sie endlich aufhören, Klientelpolitik für eine Minderheit zu betreiben." Nemling speist im Tweedsakko und blauem Hemd am Esstisch seines Einfamilienhauses, legt ein Blatt Schinken auf sein Mohnstriezerl und geht in knorrigem Ton mit jener Partei ins Gericht, die trotz allem noch immer die seine ist.

Die schwarzen Bezirkskaiser sind sich keiner Schuld bewusst

Der heute 73 Jahre alte Kommerzialrat und engagierte Rotarier, geadelt mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien, ist ein Bürgerlicher wie aus dem Bilderbuch. Eher abfällig spricht Nemling von "den Sozialisten", den FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache hält er für einen Parvenü, die Grünen leider für Chaoten. Umso mehr schmerzt ihn das Absacken seiner Partei. Als eine befreundete Bezirksrätin das Hietzinger Wahlergebnis schönzureden versuchte, schickte er ihr eine wütende E-Mail mit vielen Ausrufezeichen. Fazit: "Wenn der Trend der Zeit der Partei davonläuft, muss die Partei eben nachlaufen und nicht von den guten alten Zeiten schmollen."

Gut sind die Zeiten gegenwärtig in der Tat nicht: Die frisch angeheuerte Wiener ÖVP-Chefin Christine Marek führte die Partei hinab in ein historisches Tief: 13,99 Prozent. Auch in den anderen bürgerlichen Reservaten, in den Villenbezirken Döbling, Hietzing und Währing, ist heute die einstige Dominanz nur noch ein nostalgisches Memento.

Die Bezirksvorsteher dieser Viertel – der letzte Stolz der gedemütigten Konservativen – wollen freilich mit dem mageren Ergebnis im ganzen Stadtgebiet nicht in Verbindung gebracht werden. "Ich glaube, dass ich mir persönlich kein sachliches Versäumnis vorzuwerfen habe", erklärt der Hietzinger Bezirksvorsteher Heinz Gerstbach, der seit 1990 jenes Amt bekleidet, das vor ihm schon sein Vater innehatte. Mareks Ergebnis will er nicht kommentieren. Dass er als Bezirkspolitiker selbst drei Prozent verlor? "Ich lehne es ab, das als Verlust zu bezeichnen", sagt er trotzig.

Entspannt gibt sich auch sein Döblinger Kollege Adi Tiller. Der 71-jährige Veteran kam 1978 in sein Amt – da regierte in Österreich noch der rote Sonnenkönig Bruno Kreisky. Die Verluste bei der Gemeinderatswahl in seinem Bezirk betrachtet auch er nicht als seine Angelegenheit. Dass er selbst 4,3 Prozent im Bezirk einbüßte, stört ihn kaum. Er habe ja genauso viele Stimmen bekommen wie 2005 – in Prozenten sehe das halt wegen der höheren Wahlbeteiligung schlechter aus.