Unkraut, Gestrüpp, halbhohe Bäume. Mehr war hier nicht, am Ende der Antonistraße im Oberhausener Stadtteil Osterfeld. Noch vor fünf Jahren gab es hier nur ein Niemandsland, einen Niemandsort. Doch nun ist es alles aufgeräumt und fein gemacht. Ein Dach aus ineinandergefügten Stahlplatten schwingt sich galant und auch mächtig über eine umzäunte Ausgrabungsstätte. Ein Drehkreuz muss der Besucher noch passieren, und dann – dann steht er an der Wiege des Ruhrgebietes, des einst größten Industriereviers Europas.

Hier in Osterfeld nahm alles seinen Anfang: die rauchenden Schlote, die feuerleuchtenden Hochöfen, die gewaltigen Dampfhämmer, welche die Erde zum Vibrieren brachten, bis um 1900 das Land zwischen Ruhr und Emscher eine Landschaft voller Kohlenhalden und Schienenstränge war, bevölkert von Arbeitern aus ganz Europa. Hier exakt stand sie, die erste Eisenhütte, die wirklich allererste: die Hütte St. Antony, eröffnet am 18. Oktober 1758. Die meisten anderen Hütten im Rheinland und in Westfalen nahmen erst gut hundert Jahre später die Arbeit auf.

"Doch, ja, es ist alles sehr, sehr schön geworden", freut sich Julia Obladen-Kauder. Sie ist Archäologin des Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland und gemeinsam mit Thomas Schleper, Abteilungsleiter im Rheinischen Industriemuseum Oberhausen, für die Grabungsstätte zuständig. Oder wie es im Museumsjargon nun heißt: für den Industriearchäologischen Park St. Antony, den ersten industriearchäologischen Park in Deutschland.

"Wir haben hier nicht wie bei altsteinzeitlichen Grabungen mit Pinsel und Pinzette gearbeitet", erklärt sie, "sondern mit Spitzhacke und Schaufel, so wie bei einer mittelalterlichen Stadtkerngrabung." Hervorgekommen sind in einer Tiefe von drei, vier Metern die Umrisse eines Kesselhauses, einer Gießerei und eines Dampfgebläses. Damit ließ sich endgültig belegen, dass hier tatsächlich, wie in den alten Unterlagen eingezeichnet, ein Hochofen stand. Auch verraten die Grabungen manches darüber, wie er umgebaut wurde, wie sich die Technik, die das Land verändern sollte, entwickelt hat.

"St.Antony" war die erste Hütte im Ruhrgebiet. Ab Herbst 1758 dampften hier die Kessel und dröhnten die Maschinen

Um die Dimension der Fundamentreste allerdings mit Fakten, mit Namen und Gesichtern aufzufüllen und um den Nimbus des Ortes nicht ins Mythische abgleiten zu lassen, empfiehlt sich ein Besuch im dazugehörigen Museum, dem einstigen Wohnhaus des jeweiligen Hüttendirektors. Was hier über St. Antony zu erfahren ist, hat den Gehalt einer soliden Wirtschaftssaga: Beamte mussten mit westfälischem Schinken und noch mehr Geld bestochen werden, um Genehmigungen zum Abbau des Raseneisenerzes zu erhalten, das greifbar nahe unter der Oberfläche lag. Völlig überschuldete Hüttenpächter tauchten über Nacht unter. Gekonnte Industriespionage transportierte technische Neuerungen aus Oberschlesien nach St. Antony. Konkurrenz belebte nicht nur das Geschäft, sondern sorgte für handfesten Streit. Einmal wird sich standesgemäß duelliert. Das alles ist ansprechend und didaktisch bestens gestaltet.

Unklar bleibt nur die Ableitung des Namens. Eher unwahrscheinlich ist es, dass er von dem einstigen Hüttenbesitzer Joan Antony von Gaes zu Loburg herstammt. Stattdessen bieten sich – man befand sich im Herrschaftsbereich des Erzbischofs von Köln – der heilige und vor allem sehr arbeitsame Antonius von Koma und der dito heilige Antonius von Padua an. Letzterer ist ein Schutzpatron der Bergleute und zugleich Beschützer all derer, die suchen und finden wollen – was Thomas Schleper und Julia Obladen-Kauder sehr, sehr gefällt.