Parlamentswahlen in Bahrein, rund hundert Meilen vor der iranischen Küste, sind eine Grenzerfahrung. Vor der Abstimmung am kommenden Samstag haben die Kandidaten Zelte in den Wüstensand gestellt. Geld spielt eine wichtige Rolle. Ein Kandidat ist knapp bei Kasse: Seine Zuhörer sitzen auf heißen Plastikstühlen im Sand und schlürfen Tüten-Orangensaft gegen die feuchte Hitze des Arabischen Golfs. Der reiche Kandidat hingegen lädt seine Wähler in ein großes Zelt mit Veloursstühlen und geknüpften Teppichen, eine Klimaanlage bläst kühlenden Wind durchs Zelt. Während der Rede werden Häppchen gereicht. Hier spricht der Kandidat der bahreinischen Marxisten. Zur Einstimmung auf sein Programm lässt er einen Imam aus dem Koran rezitieren. So unorthodox ist Bahrein. Dafür redet der Kandidat der schiitischen Islamisten im anderen Zelt von Ökonomie und Umverteilung.

Bahrein – das ist ein zentraler Verbündeter der Vereinigten Staaten. Hier liegt die fünfte US-Flotte im ölreichen Golf, auf halber Strecke zwischen Saudi-Arabien und Iran. Bahrein – das war seit 2001 auch ein Vorzeigestaat der USA, ein Laboratorium der Demokratie in dieser an Diktaturen so reichen Region. Im Parlament können die Abgeordneten frei reden und entscheiden, doch der König und sein Rat haben das letzte Wort. Und es gibt eine zweite Besonderheit: Die große Mehrheit des Volkes ist schiitisch, die Macht aber liegt in den Händen von Sunniten. Bei der letzten Wahl 2006 fanden sich die Schiiten damit noch ab. Doch diesmal hat sich die Stimmung gewandelt. Junge Schiiten protestieren, die Polizei schlägt drein, Richter machen kurzen Prozess. Die arabische Wüstendemokratie stößt an ihre Grenzen. Bahrein leidet unter Konflikten, die viel größer sind als das kleine Land und für den ganzen Mittleren Osten stehen: Sunniten gegen Schiiten, Iran versus Amerika, arabische Herrscher gegen das Volk. Demokratie ist hier ein Laborversuch mit offenem Ausgang. Drei Wahlkämpfer versuchen sich daran: ein Schiit, ein Sunnit und eine Frau, die versucht, zwischen den Fronten zu vermitteln.

Der Schiit Jawad Fairouz steht auf dem Podium, sein Bart ist kurz geschoren, er wird umrankt von grünen Kränzen mit weißen und violetten Blumen. Der Kandidat der größten Oppositionspartei, der Bewegung al-Wifaq, hat nicht viel Geld. Die schiitischen Zuhörer sitzen auf Plastikstühlen im Wüstensand zwischen einer Polizeistation und dem Neonpalast der bahreinischen Post. Auch hier hört man Koranverse, aber hier passen sie, Wifaq ist eine schiitisch-islamische Partei. Fairouz verlangt Gerechtigkeit für die Zukurzgekommenen. Er protestiert gegen die umfassende Privatisierung der Strände und Fluren der Insel. Er fordert Häuser und Wohnungen für alle. Die Zuhörer klatschen und jubeln, er hat ihren Nerv getroffen. Der schnell wachsenden Bevölkerung klimatisierte Behausungen zu verschaffen ist Bahreins größte Sorge. Ist das Land doch kein rundum vergoldetes Emirat, sondern ein recht normaler Staat mit Armen und Reichen. Nur dass die Armen meist Schiiten und die Wohlhabenden fast immer sunnitische Muslime sind. Die Schiiten sind zahlenmäßig überlegen, dafür sitzen die Sunniten im Königspalast. Ein doppelter Gegensatz.

Jawad Fairouz’ Partei ist die stärkste Kraft der Opposition. Bei der Wahl geht es den Herrschern darum, ihren Einfluss zu begrenzen.

Nach der Rede klettert Fairouz in seinen Geländewagen. Während der Fahrt vorbei an flachen Wohnsiedlungen mit hohen Mauern erzählt er, was die Gegensätze Bahreins für ihn bedeuten. "Die staatlichen Zeitungen bringen fast jeden Tag Hetzartikel über mich", sagt der Mittvierziger. Da heiße es, er versorge seine Schwestern und Brüder mit Pfründen, er benutze eine Gebetskette aus Gold und Diamanten. Fairouz sagt, die Netzseite von Wifaq sei blockiert, die Parteizeitung eingestellt. In seinem Wahlkreis trete ein reicher Bahreini gegen ihn an, der Kühlschränke und Klimaanlagen ans Volk verteile. Bei der letzten Wahl hatte Wifaq noch 17 von 40 Parlamentssitzen erobert. "Die da oben wollen verhindern, dass es mehr werden", sagt Fairouz. "Aber unsere Wähler halten zu uns." Er zeigt auf eine schlecht beleuchtete Siedlung am Rand der Schnellstraße.

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In diesen schiitischen Dörfern kocht die Wut. Es ist schon Abend, als im Flecken Ma’amer ein Mann in weiter Tracht die Tür öffnet. Er sieht aus wie Mitte 50, ist aber 36 Jahre alt und teilt sich mit seiner 14-köpfigen Familie zwei Räume in diesem Haus. Ein Bruder arbeitet als Fahrer, sie leben von seinem Gehalt. Wie, zeigt ein Blick in die Küche: Reis, Maisöl, Fladenbrot. Sie wählen die Wifaq-Partei, doch ein Kreuzchen alle vier Jahre reichte nicht, um sich Luft zu machen. Zwei Brüder gingen auf die Straße, um zu protestierten. Das geht in Bahrein so: Man nimmt ein paar Reifen, schichtet sie übereinander und zündet sie an – fertig ist die leuchtende Straßensperre. Dafür sitzen die Jugendlichen, 20 und 22 Jahre alt, jetzt im Gefängnis. Reifen anzünden gilt in Bahrein als Terrorakt und Versuch, den König zu stürzen. Die Obrigkeit hat Dutzende von Jugendlichen verhaftet und schiitische Führer des Landes verwiesen. Vor dem Haus, wo die Geheimpolizei die Zeit im verdunkelten Auto totschlägt, hängen zur Mahnung zwei große Fotos der verhafteten Brüder. Die Polizei kleisterte sie mit Farbe zu. Immerhin hängen im Gemeinschaftsraum der Familie noch die Aufkleber der schiitischen Helden: iranische Mullahs sowie der Führer der libanesischen Hisbollah. Die schiitischen Mächte im Mittleren Osten.

"Die Jugendlichen ruinieren das Bild unseres Landes"

Genau davor hat die Regierung Angst. Und alle Sunniten, die mit ihr verbündet sind. Die Fahrt durchs kleine Bahrein führt in ein Villenviertel direkt am Golf. Kurz bevor die Wüste im Wasser verschwindet, erhebt sich das stattliche Haus des Sunniten Adel al- Mu’auda. Der Vorsitzende der zweitgrößten Partei im Parlament lädt ein zum Kardamom-Kaffee auf dem Diwan seiner Bibliothek. Schiffsmodelle stehen hier, ein Köcher mit Pfeilen, eine Pistole im Glaskasten. Mu’auda hat einen langen Bart, wie ihn die sunnitischen Islamisten oft tragen. Und als solcher hält er nicht viel von schiitischen Protesten. "Billigen Heroismus" wirft er den Jugendlichen vor. "Sie ruinieren das zivilisierte Bild unseres Landes", sagt der Islamistenführer. Die Klage von Jawad Fairouz, Schiiten bekämen kein Land und keine Wohnungen, hält er für wohlfeil. Vielen Sunniten ginge es nicht besser. Und die Vorwürfe von Schiiten, die Jugendlichen seien gefoltert worden, "müssen die erst mal beweisen". Die Lunte für den Aufstand mit brennenden Reifen, glaubt er, sei von außen gelegt worden.