Selten zuvor haben Diplomaten ein Elend dermaßen schonungslos beschrieben wie in der jüngsten Bestandsaufnahme des weltweiten Naturschutzes: Die Bedrohung von Pflanzen und Tieren hat zugenommen . Das Ausmaß natürlicher Lebensräume ist kleiner geworden, ihr Zustand schlechter. Und Ackerbau und Viehzucht stützen sich auf immer weniger Arten.

Als wollten sie diese Katastrophe mit Worten bekämpfen, haben die UN das Jahr 2010 zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt ausgerufen.

Tatsächlich hat sich nicht einmal das Tempo der Artenausrottung in den vergangenen Jahren vermindert, geht aus dem Bericht hervor, den das Montrealer Sekretariat der UN-Artenschutzkonvention fast unbemerkt von der Öffentlichkeit schon vor ein paar Monaten herausgegeben hat. Er dokumentiert, so der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, ein fast einzigartiges "kollektives Versagen". Eins, das jeden Tag Leben vernichtet und jedes Jahr viele Milliarden Dollar kostet.

Jetzt soll das Ruder herumgerissen werden. Im japanischen Nagoya haben sich Abgesandte der 193 Vertragsparteien des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt versammelt, um bis Ende nächster Woche einen neuen, wirksamen Plan zum weltweiten Natur- und Artenschutz zu beschließen.

Ob der Gipfel tatsächlich zu einem Erfolg wird, ist allerdings fraglich. Nicht nur, weil Arm und Reich schon bisher wider besseres Wissen Raubbau an der Natur treiben, oft genug sogar animiert durch staatliche Subventionen. Hinzu kommt, dass sich die Verhandlungsatmosphäre zwischen Nord und Süd spürbar abgekühlt hat, seit im Dezember vergangenen Jahres der Weltklimagipfel in Kopenhagen ohne den erhofften Durchbruch zu Ende ging. Michael Frein, Buchautor und beim Evangelischen Entwicklungsdienst in Bonn für Welthandel und internationale Umweltpolitik zuständig, schließt deshalb das Schlimmste nicht aus. In Nagoya, sagt er, "könnte es ein zweites Kopenhagen geben".

Tatsächlich ist das Übereinkommen über die biologische Vielfalt, das im UN-Jargon mit den Buchstaben CBD (Convention on Biological Diversity) abgekürzt wird, schon bisher eine einzige Enttäuschung. Nicht nur, weil die USA ihm bis heute nicht beigetreten sind. Der völkerrechtliche Vertrag, der wie die Klimakonvention 1992 beim Erdgipfel in Rio de Janeiro zur Unterzeichnung auslag und seit Ende 1993 in Kraft ist, hat keines seiner drei hehren Ziele erreicht. Die biologische Vielfalt konnte nicht erhalten werden, sondern ist geschrumpft. Natürliche Ressourcen werden nicht nachhaltig genutzt, sondern allzu oft übernutzt. Und von einer gerechten Aufteilung der Vorteile aus der Nutzung genetischer Ressourcen kann keine Rede sein.

Das Einzige, was die Vertragsparteien außer regelmäßigen Treffen zustande brachten, ist das Cartagena-Protokoll. Es enthält vor allem Kennzeichnungspflichten für den grenzüberschreitenden Transport von gentechnisch veränderten Organismen.

Derweil malträtieren vermeintlicher Fortschritt und gleichzeitig noch immer grassierende Armut die Natur so, als hätte der Mensch nichts mit ihr zu tun. Mehr als ein Drittel aller Arten ist deshalb vom Aussterben bedroht, darunter Fische, die für rund eine Milliarde Menschen die Hauptquelle von Protein sind. Der Bestand von 42 Prozent aller Amphibien und von 40 Prozent aller Vögel nimmt rapide ab, fast ein Viertel aller Pflanzenarten gilt als bedroht – und es bleibt nur noch wenig Zeit, das größte Massensterben seit Millionen von Jahren zu stoppen.