Das Internet funktioniert wie ein Restaurant, das am Eingang mit der Affiche begrüßt: "Hier kocht Ihr Tischnachbar für Sie!" Die Profis sind beurlaubt, die Laien übernehmen – nicht allein die Küche, auch die Medien, den Kommerz, das Sozialnetz. Das Internet, die Galaxie der Dilettanten? Für Eliten/Fachleute zum Fürchten? Die Antwort kann nur diffus ausfallen. Das Internet erklären zu wollen ist wie im Trüben fischen. Darum, zum Warmlaufen, drei Episoden aus dem neuen digitalen Reich der Amateure:

Episode eins: Die "Nogger Choc Vermisser". In Kürze waren es 16000. Sie vermissten eine Eissorte, die der Konzern Unilever aus der Kühltruhe genommen hatte. Enttäuschte Kunden schlossen sich beim Netzwerk StudiVZ zusammen, forderten das Eis zurück. Unilever antwortete mit einem pathetischen Video und führte Nogger Choc wieder ein.

Episode zwei: Der ägyptische Blogger Wael Abbas. Ein Jahr in Haft. Vorwurf: Beleidigung des Präsidenten, Angriff auf die Polizei. Heute ist Abbas eine Berühmtheit. Er hatte Videos von Misshandlungen ins Netz gestellt und damit bewiesen, dass in ägyptischen Gefängnissen gefoltert wird. Daraufhin wimmelte es von ähnlich verwackelten Filmen – bis auch "normale" Medien über Folter berichteten.

Episode drei: Detlef Rüsch, Chefkritiker auf Amazon.de. Ein Sozialarbeiter, der einfach gern liest, der Menschen, die wenig von Büchern wissen, "niederschwellige Signale geben will, worauf man bei einem Buch achten soll". 1447 Kritiken eingerückt. Echo: 12446 User finden seine Rezensionen "hilfreich".

Drei Episoden, drei Helden der neuen Laiensphäre. Der Laie ist – frei nach Max Frisch – ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt. Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als "Idioten" traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete "Albernheit des Laien" sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das "Lob der Torheit" war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks. Die Aufklärer führten im 18. Jahrhundert diese Linie fort, plädierten für Souveränität des Laien, setzten Klugheit über Gelehrsamkeit, erfahrungsgesättigte Gewitztheit über lehrbuchernährte Bildung, sprachen gern von der "Weisheit auf der Gasse", die nur der findige Laie entdecke.

Reiht sich die digitale Kultur in diese Laienbewegungen ein? Das Internet als Maschine zur Umverteilung der Macht – weg von den Experten, hin zu den "Idioten"? Wann zuvor waren Kunden so sehr Könige? Wann erzielten Menschenrechtler so direkt Wirkung? Welches feuilletonistische Großhirn fand so viele Leser? Nie hatten plebiszitäre Neigungen eine vergleichbare Chance, sich selbst zu organisieren. Im Web fällt die traditionelle Grenze zwischen Fachmann und Amateur.

Fachleute schlagen schon Alarm. "Seriöse" Bewertungen von politischen Ereignissen, Büchern, Restaurants verlören gegen User-Sternchen und YouTube-Filmchen an Bedeutung. Die "Stunde der Stümper" sieht Andrew Keen angebrochen, ein Internetpionier. Im Aufstieg der Dilettanten wittert er eine "kulturelle Verflachung, die die traditionelle Trennung von Künstler und Publikum, von Urheber und Verbraucher verwischt". 

Eliten leben davon, dass sie etwas wissen oder können, das die Menge nicht weiß und nicht kann – noch besser etwas, das die Menge zum Staunen bringt, etwas Geheimes, Geheimnisumwobenes, Sakrales. Die Abwehr neuer Medientechniken entspringt der Sorge um Ruhe und Ordnung – und der Angst der Elite, die Gesellschaft aus der Kontrolle zu verlieren. Von Moses’ Bildverbot bis zur Neil Postmans Wir amüsieren uns zu Tode und Clifford Stolls Die Wüste Internet: Im Kern aller Kritik am Medienwandel lebt die Klage über den Verlust der Konzentration im unmittelbaren Leben: Ablenkung, Verführung, Verdummung. Doch was sich als Sorge ums Menschliche ausgibt, ist auch die Angst vor Macht- und Kontrollverlust. Von den frühen Priestern bis zu den heutigen Experten: Stets sieht die Elite Privilegien und Einfluss schwinden. Da Wissen Macht bedeutet, verändern neue Medien nicht nur Weltsichten, sie schaffen neue Machtzentren.

 

Dies alles akzentuiert sich mit den digitalen Medien. War die klassische Zeitung bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts "elitär", von Bildungsbürgern für Bildungsbürger gemacht, setzten sich Radio und Fernsehen als "Massenmedien" durch, geleitet von der Maxime "Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler" (Helmut Thoma, Gründerchef RTL). Die Einschaltquote, von Eliten geschmäht wie gefürchtet, eröffnete eine "Kultur von unten", den ersten Akt im modernen Lustspiel der Ermächtigung der Laien. Entsprechend sauer reagierten die Eliten.

Das Radio schien Bertolt Brecht eine "sehr schlechte Sache". Durch den "kolossalen Triumph der Technik", höhnte er 1927, würden "Wiener Walzer und Küchenrezepte endlich der ganzen Welt zugänglich". Und das Fernsehen war für Hans Magnus Enzensberger das "Nullmedium" schlechthin, frei von Relevanz, ein moderner "buddhistischer Apparat", feierabendliches Eindudeln ins Nirwana, kollektives Verdampfen aller Tagesbedeutungen, Urlaub von der Realität, Kitsch, Folklore, Ersatzdramatik durch Krimis et cetera. Für Intellektuelle, die davon leben, sich permanent mit dem zu beschäftigen, was sie Relevanz nennen, die schiere Zeitverplemperei.

Reagiert die Elite so heftig, weil sie sich von diesem Medium ausgespielt fühlt? Thomas H. Macho, der Philosoph, bietet dazu eine plausible Theorie. Der Bildschirm, sagt er, ersetze Elite durch Prominenz. Früher verdankte die Elite ihre Macht dem Privileg der Übersicht. Der König, der Hohepriester, der Feldherr auf dem Hügel: Sie regierten, weil sie alle sahen, ohne selber gesehen zu werden. Heute läuft es umgekehrt: Karriere macht, wer von allen gesehen wird, ohne selbst sehen zu können. TV verändert die Bedingungen unserer Wahrnehmung. Macht aber ist eine Ordnung der Sichtbarkeitsverhältnisse. Ergo verändert Fernsehen auch die Strukturen der Macht. Nämlich so: Macht gewinnt, wer ein Maximum an Aufmerksamkeit erzielt. Der Bekanntheitsgrad ersetzt die Kompetenz. Schlimmer als jede Kritik trifft das Verdikt "unbekannt". Bekannt aber wird, wer es schafft, dass ihm die Blicke folgen. Das Massenpublikum aber, das alles sieht, bleibt unsichtbar. Es fällt seine Urteile, indem es die TV-Kanäle nutzt und Wahlzettel ankreuzt.

Genau da übernimmt das Internet. In jeder Minute laden Menschen rund um die Welt zwanzig Stunden Videomaterial auf den Videodienst YouTube. Die meisten sind Amateure, die unbezahlt Inhalte bereitstellen. Erstaunlich viele Beiträge halten den Vergleich mit Produkten etablierter Medien aus. User generated content bedeutet – diesseits aller Qualitätsfragen: Nutzer wandeln sich zu Produzenten, Empfänger zu Sendern. Das ist zwar nicht gleich, quasi lutheranisch, als Erhebung der Laien in den Priesterstand zu werten, es entspricht jedoch dem aufklärerischen Mündigkeitsslogan "Denke selbst!". Digitaltechnik ermutigt, ermündigt die "Idioten", selber zu sehen, selber zu urteilen. Und zwar dort, wo sie konkret leben, nicht in Redaktionsbüros oder philosophischen Seminaren, sondern in Kneipen, Schulen, Discos, Werkhallen, Tankstellen, sozusagen auf der Gasse.

Die große Weisheit springt da selten heraus. Lebenspraktisches durchaus. Tipps und Bewertungen zu Lehrern, Professoren, Ärzten, Hotels, Airlines, Restaurants, Computern, Büchern, Fahrrädern – stets von Nutzern für Nutzer, unbeeindruckt von Markenwerbung und kommerziellen Rücksichten.

So unterlaufen Laien den geschmierten Kreislauf von Marketing und Warenästhetik. Produktversprechen müssen gehalten werden, sonst ist der Widerstand im Netz programmiert. Politische Seifenopern fliegen schnell auf. Schon Edmund Stoiber erfuhr das, als er sich vom Amt des bayerischen Ministerpräsidenten nicht trennen wollte; durch YouTube flirrten entlarvende Bilder (Stoiber, sich versprechend, wie ein Hampelmann gestikulierend), bis der Landesfürst wankte. Das Internet untergräbt das Nachrichtenmonopol despotischer Staatsapparate. Es deckt auf. Auf Dauer passieren schlimme Dinge seltener, weil klar wird, sie werden nicht geheim bleiben. 

Digitale Galaxien sind jugendliche Welten. Sie erodieren nicht nur die Barrieren von Urheberrechten, von illegalen Inhalten, von Zensur und Jugendschutz. Sie spielen auch das Privileg der Erwachsenen auf öffentliche Deutungshoheit aus. Nie zuvor war es kostengünstiger und einfacher, weltweit zu veröffentlichen. Aber die wenigsten jugendlichen Amateure wollen mit Ideen berühmt werden, gar die Welt verändern. Den Laien verstehen die meisten im lateinisch-italienischen Wortsinne als "Dilettanten": Er will sich erfreuen und ergötzen.

Leute distinguierten Geschmacks nennen das Web 2.0 schon Mob 2.0. Wo "Narren" Ausgang erhalten, muss man auf alles gefasst sein, was die etablierte Ordnung durcheinanderbringt, Piraterie, Mobbing, Orgien. Die katholische Kirche ließ die Laien nur in der Fasnachtszeit gewähren. In der Onlinewelt herrscht immer Narrentreiben. Pöbeleien auf Meinungsforen. Persönlichkeitsverletzungen. Selbstentblößung ohne Grenze.

 

Die Internet-Elite wendet sich von diesem Treiben ab. Sie zweifelt schon pauschal am Nutzen digitaler Kultur. "Werden wir online doof?", fragt etwa Nicholas Carr, ein Blogger-Guru der ersten Stunde. Sein Hirn sei zum "nervösen Flipperautomaten" verkommen. "Früher war ich ein Taucher im Ozean der Worte. Heute rausche ich auf der Oberfläche entlang wie ein Wasserskifahrer." Wer surft, verflacht. Link- hopping macht zappelig. Konzentrationszerstäubung als Leitmotiv elitärer Internetkritik. Leuchtet ein.

Dagegen hilft nur: Wir müssen die Informationen wieder dem Hirn unterordnen, nicht umgekehrt. Darum abschließend drei Gründe zur Beruhigung einer Elite, die der Gedanke stresst, durchgeknallte Laien übernähmen die Macht.

Erstens muss nicht alles, was Laien im Internet treiben, ihrer Bildung dienen. Das kapierten Eliten schon beim Fernsehen nicht. Mit einer Ausnahme: Hermann Broch, der soziologische Schriftsteller, führte den Begriff der "Spannungsindustrie" ein. Der Mensch der Hochleistungsgesellschaft, meinte er, dürfe sich feierabends nicht in Muße entspannen, sonst kippe er aus dem Spannungssystem heraus. Er müsse künstlich in Spannung bleiben, durch TV-Krimis, nervige Unterhaltung, aufgeregtes Blabla, damit er anderntags wieder gespannt zur Arbeit komme. Mit Internetsurfen schafft er das besser. Surfen ist die Kunst, an der Oberfläche zu bleiben.

Zweitens verläuft die Mediengeschichte kumulativ, nie alternativ. Es kam stets etwas Neues hinzu, das Alte aber blieb. Die Zeitung hat das Buch nicht ersetzt, das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen nicht das Radio. Internet ist mehr als ein Medium, eher ein Kosmos der unendlichen Galaxien (Social, Commercial, Media). Eben darum zieht es manche User zurück zu alten Medien, etwa zum Radio.

Drittens ziehen Laien auch im Online-Leben den Komfort vor: Bequemlichkeit, Übersichtlichkeit, Virenfreiheit. Steve Jobs’ iPad signalisiert die Wende. Pad wie Polster, Kissen, Schoner; weich, wattiert, dämpfend. Pad, die Pfote, schluckt den Ton, gibt selber keinen Laut. Das iPad, ohne ordentliche Tastatur, beschränkt Kommunikation auf Tweets und E-Mails, lädt zum Empfang ein, weniger zum Bloggen, Streiten, Intervenieren, beliefert uns mit allem Ergötzlichen, erlaubt die stubensichere Fernbedienung der Welt, lockt nicht zur Einmischung. 

Und die "Nogger Choc Vermisser"? Der Menschenrechts-Blogger Abbas? Der Amateurkritiker auf Amazon.de? Die werden weitermachen. Diese Kultur von unten wird bleiben und wachsen, auch wenn Laien scharenweise vor dem iPad knien wie Katholiken vor dem Tabernakel. Das Nützliche setzt sich durch, modische Spielereien nutzen sich ab. Die Skepsis gegen Experten wird steigen, das Urteil erfahrungsgesättigter Laien wird gefragt bleiben. Franz von Assisi, der idiota, wird seit Jahrhunderten verehrt, seine dogmatischen Gegner sind längst vergessen.

Der Publizist und Philosoph Ludwig Hasler arbeitet als Kolumnist, Essayist, Vortragstourist. Sein jüngstes Buch heißt: "Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken" (Huber Verlag, Frauenfeld)