Magnet für Talente von draußen – Seite 1

Australiens Ruf als Multikulti-Wunderland war nur vorübergehend gefährdet. Im Juli, kurz vor der Wahl, erreichten auffallend viele Leserbriefe zum Thema die großen Zeitungen des Kontinents. Warum denn die Bevölkerung von derzeit 22 Millionen auf 36 Millionen Menschen im Jahr 2050 wachsen müsse? Wo denn die ganzen Einwanderer leben sollten? Da Häuser doch schon heute so teuer seien, die Pendlerzüge überlastet und das Wasser knapp? Die Politik reagierte prompt. "Australien sollte nicht vorschnell den Pfad hin zu einer großen Bevölkerung einschlagen", suchte die sozialdemokratische Premierministerin Julia Gillard die Ängste der Bürger zu zerstreuen. Ihr Kontrahent Tony Abbot versprach sogar, im Falle eines Wahlsieges die Zuwandererzahlen drastisch zu drosseln.

Doch die Debatte entpuppte sich als Strohfeuer. Kaum drei Monate später stellt kaum ein Australier mehr die massive, gesteuerte Zuwanderung ausländischer Arbeiter infrage, die den riesigen Kontinent am anderen Ende der Welt zu einem internationalen Musterbeispiel für Migrationsforscher macht. Während Deutschland wieder einmal darüber streitet, ob es nun Einwanderungs- oder Auswanderungsland ist und ob nicht ein Punktesystem den Zuzug von Fachkräften besser regelt als strikte Sanktionen für Integrationsverweigerer, schafft Australien Tatsachen.

Ein strenges Punktesystem regelt die Visavergabe je nach Bedarf

Um jährlich rund zwei Prozent wächst Australiens Bevölkerung – schneller als die der meisten anderen Industrieländer. Und für rund 60 Prozent dieses Wachstums sind hoch qualifizierte Ausländer verantwortlich. Sie bescheren Australien eine positive Einwanderungsbilanz: Rund 300.000 mehr Zuwanderer als Auswanderer zählte das Land im vergangenen Finanzjahr; die meisten von ihnen stammen aus Großbritannien, China und Indien. Jeder vierte Einwohner von Down Under wurde im Ausland geboren. Auch die Premierministerin Gillard kommt ursprünglich aus Wales.

"Einwanderung ist der Stoff, aus dem unsere Nation gewebt ist", sagte Immigrationsminister Chris Bowen in seiner ersten großen Rede nach Amtsantritt vor einigen Wochen. Und plötzlich scheint es, als hätte es die latente Antizuwanderungsstimmung nie gegeben. Unternehmen, Personaldienstleister, Gewerkschaften und Verbände – alle wünschen sich wieder mehr Migranten. Denn Arbeitskräfte sind gesucht, der Druck aus der Wirtschaft ist groß.

Von der weltweiten Finanzkrise haben die Menschen in Australien kaum etwas gespürt. Die Konjunkturkurve zeigt praktisch seit zwei Jahrzehnten ununterbrochen nach oben. Zwar liegt die Arbeitslosenrate bei 5,1 Prozent, doch täglich entstehen viele neue Stellen. Laut einer Studie des Personaldienstleisters Clarius und der Unternehmensberatung KPMG fehlen schon jetzt mehr als 21.000 Fachkräfte. Diese Lücke sei "drastischer als erwartet", sagt Clarius-Geschäftsführerin Kym Quick. Und ein Bericht des arbeitsmarktpolitischen Beratergremiums Skills Australia folgert: Qualifizierte Arbeitsmigranten seien weiter notwendig, um Australiens Wirtschaft "zukunftssicher" zu machen.

Dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel jüngst die Multikulti-Gesellschaft für "gescheitert, absolut gescheitert" erklärte, kann der australische Politikwissenschaftler James Jupp nicht nachvollziehen. Jupp ist Direktor des Zentrums für Immigration und Multikulturelle Studien an der australischen National University. Im kühlen Canberra sitzt der über 70-Jährige in einem viktorianischen Holzhäuschen und sinniert darüber, was eine funktionierende Einwanderungsgesellschaft ausmacht. "Frau Merkel hat da eine völlig andere Auffassung von Multikulturalismus als wir", sagt er. In Australien und anderen Ländern sei es selbstverständlich, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur nebeneinander leben und nicht zu einem großen Ganzen verschmelzen.

Vor allem in den Metropolen Sydney und Melbourne blüht die Vielfalt: Hier begegnet man orthodoxen Juden auf ihrem Sabbat-Spaziergang, barfüßigen brasilianischen Surfern, Ärzten mit asiatischen Gesichtszügen. Sie alle leben in ihrem eigenen Kulturklüngel, mischen sich selten. Was sie eint, ist eine tiefe Verbundenheit zu ihrer sonnigen Wahlheimat.

 

"In Deutschland", setzt der Forscher nach, "ist im Übrigen nicht der Multikulturalismus gescheitert, sondern die Gastarbeiterpolitik." Während die Bundesrepublik davon ausging, dass Gastarbeiter wieder in ihre Heimat ziehen, schaffte sich Australien systematisch ein Profil als Einwanderungsnation. Als erstes Land der Welt bündelte Australien Kompetenzen und widmete 1945 ein eigenes Ministerium der Immigration. Nach dem Ende der rassistischen, auf Europäer zielenden White Australia Policy in den siebziger Jahren richtete sich das Land immer stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft aus. Seitdem regelt ein strenges Punktesystem die Visavergabe.

Jährlich überprüfen die Behörden, in welchen Branchen es an Fachkräften mangelt. Danach erstellen sie eine Liste, welche gefragten Berufen Punkte zuordnet. Ein hoch flexibles System. Als die Konjunktur wie jüngst ins Stocken geriet, drosselten die Beamten die Visavergabe. Im Februar überarbeiteten sie die Liste der gefragten Berufe. Gewollt sind aktuell Ingenieure, Steuerberater und Zahnärzte, aber auch Automechaniker, Schlosser und Schreiner.

Grundsätzlich gilt: Wer möglichst unter 30 ist, einigermaßen gut Englisch spricht, mehrjährige Berufserfahrung und eine wichtige Qualifikation mitbringt, erreicht leicht die notwendigen 120 Punkte für ein dauerhaftes Arbeitsvisum. Alle anderen, vor allem Bewerber über 44 Jahre, haben im Grunde nur dann noch eine Chance, wenn sie einen Betrieb finden, der ihnen eine feste Jobzusage macht. Dann gewährt ihnen Australien ein auf bis zu vier Jahre befristetes, an den Arbeitgeber gebundenes Visum.

Für viele Unternehmen hat sich dieses business sponsorship visa als Trumpf erwiesen, um Leerstellen schnell und passgenau mit ausländischen Bewerbern zu füllen. Rund 100.000 dieser befristeten Arbeitsvisa hat Australien im vergangenen Finanzjahr ausgestellt – fast dreimal so viele wie 2001.

Sicherlich wäre es verfehlt, die Einwanderungspolitik Deutschlands an der kaum mehr als 200 Jahre jungen Nation Australien messen zu wollen. Australiens Klima und Strände, sein Rohstoffreichtum, die wachsende Wirtschaft und die Weltsprache Englisch – all das wirkt wie ein Magnet auf internationale Arbeitskräfte.

Dennoch hatte Australien nicht bloß Glück. Politiker haben frühzeitig einen Rahmen geschaffen, der potenzielle Arbeitsmigranten willkommen heißt. Wer dauerhaft im Land ist, kann sich nach vier Jahren problemlos einbürgern lassen. Um neue Staatsbürger kümmert sich die Regierung dann mit allerlei identitätsstiftendem Brimborium. Bei Einbürgerungsfeiern bekommen Neu-Australier etwa ein Hackfleischtörtchen und die Blume der Region geschenkt. Zum Nationalfeiertag werden überall im Land Bürger des Jahres geehrt. Ein Tag der Harmonie soll rassistische Tendenzen in Schach halten.

Die Rechtspopulistin verschwand schnell wieder von der Bildfläche

Das funktioniert, allen Erfolgen zum Trotz, nicht immer. 1998 etwa errang die Antiimmigrations-Partei One Nation der Rechtspopulistin Pauline Hanson überraschend fast ein Viertel der Wahlstimmen im Staat Queensland. Beobachter waren entsetzt. Doch Hanson und ihre Partei verschwanden so schnell wieder von der Bildfläche, wie sie gekommen waren. Auch die rassistischen Ausschreitungen in Sydneys Strandvorort Cronulla im Sommer 2005, bei denen sich ein Mob aus weißen australischen und libanesischen Jugendlichen prügelte, gelten heute gemeinhin als bedauerlicher Einzelfall.

Ein wachsender Staat bleibt Australien aber nach jüngsten Statistiken sogar ohne weiteren Zuzug von außen: Das Land erlebt zurzeit einen Babyboom, der allein schon für einen Bevölkerungsanstieg sorgt.