"In Deutschland", setzt der Forscher nach, "ist im Übrigen nicht der Multikulturalismus gescheitert, sondern die Gastarbeiterpolitik." Während die Bundesrepublik davon ausging, dass Gastarbeiter wieder in ihre Heimat ziehen, schaffte sich Australien systematisch ein Profil als Einwanderungsnation. Als erstes Land der Welt bündelte Australien Kompetenzen und widmete 1945 ein eigenes Ministerium der Immigration. Nach dem Ende der rassistischen, auf Europäer zielenden White Australia Policy in den siebziger Jahren richtete sich das Land immer stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft aus. Seitdem regelt ein strenges Punktesystem die Visavergabe.

Jährlich überprüfen die Behörden, in welchen Branchen es an Fachkräften mangelt. Danach erstellen sie eine Liste, welche gefragten Berufen Punkte zuordnet. Ein hoch flexibles System. Als die Konjunktur wie jüngst ins Stocken geriet, drosselten die Beamten die Visavergabe. Im Februar überarbeiteten sie die Liste der gefragten Berufe. Gewollt sind aktuell Ingenieure, Steuerberater und Zahnärzte, aber auch Automechaniker, Schlosser und Schreiner.

Grundsätzlich gilt: Wer möglichst unter 30 ist, einigermaßen gut Englisch spricht, mehrjährige Berufserfahrung und eine wichtige Qualifikation mitbringt, erreicht leicht die notwendigen 120 Punkte für ein dauerhaftes Arbeitsvisum. Alle anderen, vor allem Bewerber über 44 Jahre, haben im Grunde nur dann noch eine Chance, wenn sie einen Betrieb finden, der ihnen eine feste Jobzusage macht. Dann gewährt ihnen Australien ein auf bis zu vier Jahre befristetes, an den Arbeitgeber gebundenes Visum.

Für viele Unternehmen hat sich dieses business sponsorship visa als Trumpf erwiesen, um Leerstellen schnell und passgenau mit ausländischen Bewerbern zu füllen. Rund 100.000 dieser befristeten Arbeitsvisa hat Australien im vergangenen Finanzjahr ausgestellt – fast dreimal so viele wie 2001.

Sicherlich wäre es verfehlt, die Einwanderungspolitik Deutschlands an der kaum mehr als 200 Jahre jungen Nation Australien messen zu wollen. Australiens Klima und Strände, sein Rohstoffreichtum, die wachsende Wirtschaft und die Weltsprache Englisch – all das wirkt wie ein Magnet auf internationale Arbeitskräfte.

Dennoch hatte Australien nicht bloß Glück. Politiker haben frühzeitig einen Rahmen geschaffen, der potenzielle Arbeitsmigranten willkommen heißt. Wer dauerhaft im Land ist, kann sich nach vier Jahren problemlos einbürgern lassen. Um neue Staatsbürger kümmert sich die Regierung dann mit allerlei identitätsstiftendem Brimborium. Bei Einbürgerungsfeiern bekommen Neu-Australier etwa ein Hackfleischtörtchen und die Blume der Region geschenkt. Zum Nationalfeiertag werden überall im Land Bürger des Jahres geehrt. Ein Tag der Harmonie soll rassistische Tendenzen in Schach halten.

Die Rechtspopulistin verschwand schnell wieder von der Bildfläche

Das funktioniert, allen Erfolgen zum Trotz, nicht immer. 1998 etwa errang die Antiimmigrations-Partei One Nation der Rechtspopulistin Pauline Hanson überraschend fast ein Viertel der Wahlstimmen im Staat Queensland. Beobachter waren entsetzt. Doch Hanson und ihre Partei verschwanden so schnell wieder von der Bildfläche, wie sie gekommen waren. Auch die rassistischen Ausschreitungen in Sydneys Strandvorort Cronulla im Sommer 2005, bei denen sich ein Mob aus weißen australischen und libanesischen Jugendlichen prügelte, gelten heute gemeinhin als bedauerlicher Einzelfall.

Ein wachsender Staat bleibt Australien aber nach jüngsten Statistiken sogar ohne weiteren Zuzug von außen: Das Land erlebt zurzeit einen Babyboom, der allein schon für einen Bevölkerungsanstieg sorgt.