Kampf dem Etikettenschwindel! Das ist offenbar das Motto von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Die CSU-Politikerin will Mogelpackungen demnächst am Onlinepranger sehen. Auf einer Internetseite sollen Kunden jene Produkte bloßstellen können, die ihrer Meinung nach nicht das halten, was Aufmachung oder Verpackungsangaben versprechen. Die Verbraucherzentrale Hessen wird die Vorwürfe prüfen und kommentieren. Klebeschinken, Analogkäse und Co. seien künftig Fälle für diesen Pranger, sagt die Ministerin. "Verbraucher müssen mit der Wahrheit bedient werden."

Der Kunde als Sherlock Holmes mit Einkaufskorb – das scheint zunächst eine sinnvolle Idee. Denn die meisten Verpackungen sind heute ein einziges Trompe-l’œil: auf Almwiesen grasende Milchkühe, die in Wahrheit in riesigen Ställen vor sich hin vegetieren; teure Gourmetsuppen, die nichts anderes sind als billiges Tütenpulver; Schokoladenpudding, der mehr Farbstoff als Kakao enthält. Die Zahl der Beispiele ist größer als die der Joghurtvarianten im Kühlregal. Es ist nun einmal nicht die ungeschminkte Wahrheit, mit der die Lebensmittelindustrie ihr Geld verdient. Viel Stoff für den digitalen Pranger also.

Aber zur Wahrheitsfindung in den Supermarktregalen gehört mehr, als Etikettenschwindel aufzudecken. Denn selbst wenn die Verpackungen von Schokoriegeln oder Softdrinks wahrheitsgemäß Auskunft über ihren Inhalt geben, können die Zuckerbomben dennoch ein Attentat auf die Gesundheit darstellen.

Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden würde bedeuten, auch darzulegen, wie gesund oder ungesund ein Lebensmittel ist. Das war der Gedanke hinter dem früheren Vorschlag für eine Lebensmittelampel, die auf der Verpackung vor dem Zucker-, Fett- und Salzgehalt eines Produktes warnt. Rote, gelbe und grüne Punkte hätten deutlich sichtbar Alarm geschlagen oder Entwarnung gegeben, und das für jedes Kind verständlich – im Gegensatz zum Kleingedruckten, das zurzeit auf Verpackungen über die Inhaltsstoffe informiert und das niemand liest.

Aber genau dagegen hat sich Ilse Aigner im Sommer ausgesprochen, als auch das EU-Parlament den Vorschlag einer solchen Lebensmittelampel ablehnte. Konsequent wäre es, neben dem Pranger eine klare Kennzeichnung einzuführen. Ohne diese ist Aigners jetziger Vorschlag auch nur eine Mogelpackung.