Was willst du denn dort?", werde ich immer gefragt, wenn ich erzähle, dass ich in den katholischen Wallfahrtsort Lourdes fahre. Meinen Heiligenschein aufpolieren, gebe ich zurück. Manchen genügt das als Antwort. Dann lacht man kurz, der andere erzählt vielleicht, dass er zwar an Gott oder so glaube, aber nicht an die Kirche. Ich lächle nur. Die mich besser kennen, fragen verwundert: Bist du denn katholisch? In Norddeutschland sind katholische Familien selten. Nein, ich bin Protestantin. Es geht mir um etwas anderes. Um was denn? Die Wahrhaftigkeit Gottes in meinem Leben zu spüren.

Wenn ich das sage, werden die Augen des Gegenübers oft leer, fixieren mich nur noch schwach. Eine gläubige Christin, eine Pilgerin – sich dazu zu bekennen kommt einem Outing gleich. Wenn ich mich umdrehe, tippen sich die Leute wahrscheinlich mit dem Finger an die Stirn. Deshalb sage ich rasch, dass ich mich auf diesen Pilgerfahrten der Malteser eine Woche lang um ein behindertes Kind kümmere. Den karitativen Antrieb muss doch jeder nachvollziehen können, der in seinem Leben schon einmal gegen die ungerechte Verteilung von Glück und Leid gewettert hat. Oder jeder, der, von Selbstzweifeln geplagt, einen Durst nach Sinn verspürt und hofft, ihn durch frisch geschaffenes Glück am Nächsten stillen zu können.

Das war bei mir der Auslöser, nach Lourdes zu fahren. Diese Reise anzutreten war das einzig Sinnvolle, was mir zu tun einfiel. Meine Cousine hatte mir vom "Kinderzug" erzählt.

Wenn ich nach Lourdes fahre, brauche ich keine große Tasche. Ich packe meinen Koffer für eine Woche und nehme mit: sieben hautfarbene Strumpfhosen, siebenmal Unterwäsche, Kulturbeutel, weiße Klammern für das Schwesternhäubchen, einen Schlafsack für die Zugfahrt, zwei Handtücher. Den Rest leihe ich mir von den Maltesern: sechs Schwesternkleider, sechs Schürzen, das Häubchen und den großen schwarzen Umhang mit zwei aufgenähten Malteserkreuzen.

Mit den geliehenen Kleidern und Schürzen werde ich in Lourdes nicht als erfahrene Pilgerin auffallen. Die langjährigen Malteserinnen haben ihr eigenes Kleid, das nicht immer übers Knie reicht. Als hübsch gelten auch ein Mieder oder kleine Rüschen am Kleid.

Am Abend bevor wir die Kinder am Bahnhof übernehmen, gibt es eine Einführung für die Neuen. Was ist der Malteserorden, wie legt man eine Windel an, oder was macht man, wenn das Kind einen epileptischen Anfall bekommt. Man braucht keine Angst zu haben, denn man wird nie mit seinem Kind alleine sein, außerdem fahren zwei Ärzte mit, die sich um die Kinder und auch um die Betreuer kümmern werden. Die beiden Reiseleiter Isi und Christian schärfen einem noch ein, nie über den Kopf des Kindes hinweg mit Dritten über es zu reden. Bei vielen der kleinen Behinderten kann man zwar nicht einmal erahnen, was sie von ihrem Umfeld wahrnehmen, aber oft ist es mehr, als sich ein Unerfahrener vorstellt. Wir sollen das Kind so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten. Eine einfache Regel.

Aufgeregt stehen wir am nächsten Tag am Bahnhof, als die Busse mit den Kindern aus zwei Heimen vorfahren. Vorsichtig tapsen die ersten aus dem Bus. Manche Kinder sehen furchtbar aus. Die Arme sind zu kurz, die Köpfe zu groß. Manche stoßen laute Schreie aus, ein Mädchen wippt mit ihrem Oberkörper ununterbrochen und macht eine Verbeugung nach der anderen, wobei sie sich aufgeregt in die Hand beißt, eine kleine Gestalt sitzt auf dem Boden und dreht sich dauernd im Kreis. 

Es heißt, dass jeder in Lourdes einmal weinen muss. Auf meiner ersten Fahrt hat es mich schon nach drei Stunden Zugfahrt zerrissen. In meinem Abteil saß ein Mädchen still und brav. Sie saß so still und brav, denn sie war stumm, und nur ein Korsett hielt sie gerade. Ihre Betreuerin vermutete eine volle Windel, also schickte sie die anderen Mitfahrer raus und schuf etwas Intimsphäre. Sie bat mich, ihr zu helfen. Mit geschickten Griffen zog sie das gelähmte Kind aus und versorgte es gut. Doch diesen Körper so hilflos auf der Bank liegen zu sehen, dass es der Kleinen nicht einmal vergönnt war, sich allein aufzurichten, war zu viel für mich. Tränen tropften auf die volle Windel, als ich sie zum Müll brachte.