Die Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas

Wie aber sind die Euro-Mumien in Chinas Boden gekommen? Hermann Parzinger, ehemaliger Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), stellte nach seinen Ausgrabungen in Sibirien und im mongolischen Altai-Gebirge fest: "Vor 2500 Jahren war dieser Teil Asiens von einer europiden Bevölkerung besiedelt." Dieser Teil – das ist zumindest das Viereck Nordwestchina–Mongolei–Russland–Kasachstan. Parzinger zählt die von ihm untersuchten Gräber aus dem Altai-Gebirge zur sibirischen Pazyryk-Kultur (genauso die skythischen). Aufgrund der ähnlichen Kleidung rechnet der Eurasienexperte nun auch die europäisch aussehenden Wüstenmumien aus dem Tarim-Becken der Pazyryk-Kultur zu.

"Europäisch oder nichteuropid – das ist für mich kein Thema", sagt Mayke Wagner. Die Leiterin der Außenstelle Peking des DAI interessiert vielmehr: "Wer war hier wann und warum unterwegs?" Zum Beispiel jene Rindernomaden in Xiaohe. Seit 2002 erkundet der uigurische Archäologe Idelisi Abuduresule die 167 Gräber. Weit über 1000 Artefakte und 30 wohlerhaltene Mumien brachte er ans Licht. So lässt sich mittlerweile eine Menge über die dort bestatteten Menschen erzählen: Sie sind rund 4000 Jahre alt. Ihre Gräber waren weithin sichtbar durch schwarz-rot bemalte Pfosten gekennzeichnet. Ein Zaun aus hohen Pappelstangen umgrenzte den Friedhof. Grabbeigaben waren sorgfältig geschnitzte Holzbecher, Halsreife, Armbänder und fein geflochtene Taschen aus bunten Pflanzenfasern. Außerdem Wurfpfeile, Bronzebeile und großnasige Masken zur Abwehr von Dämonen.

Abuduresule fand kaum Keramik, dafür jede Menge Viehschädel, hauptsächlich von Langhorn-Rindern. Sie waren gesäubert, weiß-rot bemalt und mit Wollstricken umwickelt. Die Leichname in den Gräbern ruhten auf dem blanken Wüstenboden unter gebogenen Pappelplanken, die bootsförmig längs über sie gelegt wurden. Diese Bretter waren mit frischen Tierhäuten bedeckt, die sich beim Austrocknen fest um den "Sarg" spannten und ihn abdichteten. "Da wurde ziemlich großer Aufwand betrieben", kommentiert Mayke Wagner die Beerdigungssitten.

Die Menschen lebten mit Schafen, Ziegen, Rindern, Pferden und Kamelen zusammen. Sie trugen offenbar gern farbenfrohe Kleidung – und litten unter Läusen. Ihre Raucherlungen (durch Herdfeuer in geschlossenen Räumen) und die Silikosekrankheit (wegen der Sandstürme) versuchten sie mit Ephedra, einem Wüstenheilkraut, zu lindern.

Was jetzt noch fehlt, ist die Geburtsurkunde. Mitteleuropäer, Iraner, Kaukasier? Mayke Wagner lässt sich nicht zu Mutmaßungen über nationale Wurzeln hinreißen. "Es waren damals so viele Völker unterwegs, dass die Trennung in Ethnien für die Kulturgeschichte dieses Raumes völlig belanglos ist."