Stanford/Kalifornien . Seltsam, dieser Sarrazin. Erst provoziert er plangemäß die politische Klasse. Dann schlägt die pflichtgemäß zurück: mit "Parteiausschluss!" (SPD) oder "nicht hilfreich" (Merkel). Dritte Phase: Das Staatsvolk muckt auf gegen die Tabu-Verteidiger. Schließlich: Die Politik dreht bei. Plötzlich hält die Kanzlerin Multikulti für "absolut gescheitert". Und CSU-Chef Seehofer doziert: keine weitere Zuwanderung aus "anderen Kulturkreisen" .

Nun ist das deutsche Boot nicht überfüllt; tatsächlich leert es sich. Vor knapp zwanzig Jahren betrug der Netto-Zuzug fast 800.000; im vorigen Jahr war es ein Negativ-Saldo von 13.000. Aber die Statistik ist nicht der entscheidende Punkt. Hier im Silicon Valley käme niemand auf die Idee, Menschen aus "anderen Kulturkreisen" auf die schwarze Liste zu setzen. Ohne die – zumal aus China und Indien – gäbe es heute kein Silicon Valley mehr, diesen Leuchtturm des Hightech, den sie von Bangalore bis Bayern alle nachbauen wollen.

Mehr als die Hälfte der Start-ups wurden im vergangenen Jahrzehnt von Einwanderern gegründet – vor allem aus asiatischen, also nicht gerade "jüdisch-christlichen" Kulturkreisen. 2005 beschäftigten solche Firmen fast eine halbe Million Menschen, der Umsatz betrug 52 Milliarden Dollar, wie eine neue Untersuchung meldet.

Es ist richtig, dass Amerika ein Einwanderungsland ist – und Deutschland nicht (hier kann man bloß "zuwandern" und dann irgendwie den Pass bekommen, seit 2004 allerdings leichter). Doch gezielte Einwanderung muss sein in einer Zeit, in der Hirne die wichtigste Ressource einer modernen Wirtschaft ausmachen. In Mountain View oder Cupertino ist es egal, was einer isst, trägt oder glaubt. Es entscheiden Abschluss, Talent und Ambition.

Hier aber lauert ein weiteres – und sehr verständliches – deutsches Tabu. "Aussuchen" oder "Punktesystem" riecht nach "Selektion". Deshalb wird Deutschland immer großzügig Asyl gewähren. Aber sind Amerika, Australien, Kanada moralisch defekt, weil sie nach Befähigung fragen? Umgekehrt ist es richtiger: Gerade das alternde, vermehrungsunwillige Europa muss um seine Wettbewerbsfähigkeit fürchten, wenn es nicht the best and the brightest ins Land holt.

Fangen wir an mit denen, die schon hier sind. Nirgendwo gehen so wenig gut ausgebildete Ausländer einer entsprechenden Arbeit nach wie in Deutschland (49 Prozent, gleichauf mit Frankreich). Das Sinnbild ist der Taxifahrer, der in seiner Heimat Ingenieur oder Arzt war. Selbst ein Harvard-Absolvent muss seinen Ph.D. anerkennen lassen, bevor er sich "Herr Dr." nennen darf. Ein Gesetz zur Erleichterung soll im Dezember durchs Kabinett – endlich.

Aber das ist nur der Anfang. Deutschland wird sich zu einem echten Einwanderungsgesetz durchringen müssen, bei dem nur das Können, nicht der "Kulturkreis" zählt. Das wäre eine Win-win-Situation – für das Land wie für die Neuen. Und die Integration? Die kommt wie in Silicon Valley von alleine. Wer darf, was er kann, sucht keine Zuflucht im Ghetto. Ein "Rollenmodell" für die anderen liefert er obendrein – auch für die Einheimischen.