Bernd Rauschenbachs, des Secretärs der Arno Schmidt Stiftung, Augen leuchten, als er von seiner Vision erzählt. "Sechs Kilo? Überhaupt kein Problem", hatte Deutschlands größte und renommierteste Buchbinderei gesagt, nachdem sie ihre Zulieferer befragt hatte, ob das gelieferte Gerät wohl Zettel’s Traum würde wuppen können. Aber dann waren die Bindestraßen zusammengebrochen, und die Kantenschneider barsten. "Ich komme auf die Buchmesse, und die Regale aller deutschen Verlage sind leer. Und jetzt ich: ›Wenn sich die Herren für deutschsprachige Lektüre interessieren, da hätte ich vielleicht was für Sie... Wie viele darf ich Ihnen einpacken lassen?‹" Auch die Augen der Literaturkritiker von Focus, dem etwas anderen Nachrichtenmagazin, hätten aufgeleuchtet, hätte sie der Engpaß des ungewohnten Entzifferns von Büchern doch vollends enthoben. Ohnehin entfallen nur knapp zehn Prozent der gesamten Buchproduktion auf Belletristik, um die dann über neunzig Prozent vom Gesamtgeschiß gemacht werden. Ich überfliege die Alice im Wunderland- Übersetzung von Christian Enzensberger und sage: "Wenn es irgendeinem schurkischen Verleger gelingen sollte, mich zu einer Neuübersetzung zu überreden, werde ich den Titel ändern, Alice in Wunderland, wie in ›in England‹, denn wenn Lewis Carroll kein richtiges Land gemeint hätte, mit Königin und allem Zick und Zack, hätte er das Buch Alice in the Land of Wonderment oder so genannt, alle würden den Titel sehen, stutzen und denken: ›Mensch, Mensch, Mensch, der hat sich ja wirklich was gedacht. Na, Zeit, die Gülle auszubringen.‹" Der grandiose Künstler Peter Schössow fragt den grandiosen Künstler Nikolaus Heidelbach mißbilligend: "Was?! Du siehst Wetten daß?!" Der grandiose Künstler Nikolaus Heidelbach sagt in Selbstverteidigung: "Ich habe Kinder." Ich sage: "Das höre ich mir jetzt seit dreißig Jahren an." Auf dem Rowohlt-Empfang erkundigt sich Dr. von Hirschhausen nach meinem Befinden, und das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen, sondern ich fange ganz unten hinten an und steigere mich langsam bis zu einer Schilderung meines letzten Arztbesuchs am Morgen nach dem Unentschieden St. Pauli/HSV, wie mir mein Leibarzt anschließend durch das Wartezimmer nachgerufen hatte: "Und nie vergessen: Bis zur vorletzten Minute hatte der HSV den Ködel in der Hose, dœ. Und nimm von den Tropfen doppelt soviel, wie ich dir verschrieben habe; ich bin ja kein Homöopath, dœ." Dr. von Hirschhausens Augen leuchten, als er vernimmt, wie die Ärzteschaft sich allenthalben wacker schlägt, und in mir keimt der Verdacht: "Der tut ja nicht nur so, der Lump, der ist ja wirklich nett." Jemand wirft mir vor, ich interessierte mich nicht für Menschen, und ich versetze knapp: "Ich interessiere mich sehr wohl für Menschen, ich interessiere mich nur nicht für Menschen, die Bücher schreiben (und sie mir anzudrehen versuchen, damit ich sie in meinem renommierten Verlag unterbringe), denn die interessieren sich bereits genug für sich selbst, und da will man dann auch nicht stören." Wenn ich irgendwo reinkomme, sage ich als allererstes: "Nein, ich habe nichts mit dem Rowohlt Verlag zu tun, nein, ich habe nicht abgenommen, ja, ich spiele bei der Lindenstraße mit." Da ist dann was für jeden Geschmack dabei. Und wenn mich jemand fragt, was er unternehmen muß, um veröffentlicht zu werden (möglichst in meinem renommierten Verlag), sage ich: "Machen Sie’s wie ich. Ich schreibe nur auf Bestellung und brauche mir dann um die Veröffentlichung keine Sorgen zu machen." Darauf erwidern die jungen Autoren, einer wie der andere, als hätten sie es untereinander abgesprochen: "Wäwäwäwäwäwäwä." Auf die schon oft gehörte Journalistinnenfrage "Warum leben Sie in Hamburg?" antworte ich zum ersten Mal was Kurzes und Vernünftiges: "Das Leben ist ohne Heimweh schon schwer genug." Stimmt ja überhaupt. Bloß weg hier. Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof fragt mich ein Mann: "Haben Sie mal achtzig Cent?" Ich gebe ihm eine Zwei-Euro-Münze, er betrachtet sie und sagt: "Na gut." Beim Tatort aus Münster schreit im heimischen Fernseher ein Mädchen: "Mein Tagebuch! Das darf niemand lesen!" und ich denke: "Das ist die richtige Einstellung, Herr Professor Raddatz."