Der moderne Mensch hat ein besonderes Verhältnis zur Decke. Sie hilft uns, wenn wir nicht akzeptieren wollen, dass der Sommer gegangen ist. Zum Beispiel wenn wir in den Cafés die Plätze draußen belegen, weil wir den Verdacht hegen, dass sich noch ein Sonnenstrahl zeigen könnte. Dann sind wir froh, wenn der Wirt Decken ausgelegt hat, die uns trösten, weil die Nasskälte des Herbstes uns auslaugt. Sehen wir in den Fernsehnachrichten Menschen in eine Decke gehüllt, sind es oft ebenfalls Getröstete: Vielleicht hat eine Flut gerade ihr Haus weggeschwemmt, vielleicht haben sie gerade eine Lawine oder einen Unfall überlebt. Aber sie sind zurück im Leben. Sie haben eine Decke.
Kein Wunder, dass in einer Zeit, in der viele sich ohnmächtig und ausgeliefert fühlen, Menschen eine Schwäche für Decken entwickeln. Auch in der Mode. So hat der Designer Damir Doma für seine aktuelle Kollektion Männer in Riesenschals aus Wollfilz gewickelt. Wie urbane Kelten wirken sie darin. Auch die Kaschmirmarke Allude hat Deckenschals in Grob- und Feinstrick in Farben wie Orange, Sand und Grau im Sortiment. Gareth Pugh entwarf ein dunkelgrünes Modell mit ausgefransten Nähten.

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Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass sich die Mode mit der Decke auseinandersetzt. Sie gehört gewissermaßen zu den Urmotiven moderner Kleidung. Ein ikonografisches Stück ist der Blanket Coat von Jean-Charles de Castelbajac. Als der französische Designer in den sechziger Jahren diesen Mantel aus einer Wolldecke seiner Schule schuf, war er noch Schüler eines strengen Militärinternates. Später wurde der Blanket Coat zum Schlüsselstück seiner ersten Kollektion. Eine moderne Adaption des Deckenmantels gibt es bei Hermès zu sehen: einen Mantel aus Mohair in Form einer Wolldecke. Auch Wolfgang Joops Marke Wunderkind und Marc Jacobs’ Zweitmarke Marc by Marc Jacobs experimentieren mit dieser Form.

Gegenüber solchen Mänteln hat der Deckenschal einen entscheidenden Vorteil. Er lässt sich je nach Temperatur enger oder weiter anlegen, umschlingen, umhängen. Und wenn man das nächste Mal bei zugigem Wetter in einem Straßencafé sitzt, hat man die eigene Decke schon dabei und muss nicht auf die zurückgreifen, die der Wirt ausgelegt hat. Wer weiß, wie viele Gäste da schon Caffè Latte draufgekleckert haben.