"Kein schöner Land" – das Spielzeitmotto prangt auf einem riesigen Plakat am Eingang des Anhaltinischen Theaters Dessau. Es wirkt ein wenig selbstironisch, denn Kürzungsszenarios drohen diesen Ort zu einem hässlichen Fleck verkommen zu lassen. Im März hatte die Stadt Dessau-Roßlau angekündigt, die Zuschüsse für das Theater von 2013 an zu halbieren, sodass 3,5 Millionen Euro wegfielen, die weitere 3,5 Millionen an Landesmitteln abzögen. Ein Repertoiretheater wäre damit unmöglich, eine knapp 200-jährige Theatertradition würde ausgelöscht. Intendant André Bücker sagte damals: "Dann werden wir eine seelenlose Hülle für fahrende Theatertruppen."

Die Bürgerinitiative "Land braucht Stadt" kämpft seitdem für das Haus, aber auch für Schwimmbäder, Bibliotheken und Sportvereine, die ebenfalls gefährdet sind. Da solle sich niemand über Abwanderung beschweren, kritisierte Bücker im März und warnte vor einem "Brachland, durch das wohlhabende Touristen fahren, um sich die Weltkulturerbestätten anzusehen."

Davon hat Dessau gleich zwei: die Bauhaus-Meisterhäuser und das Gartenreich Wörlitz. Mit diesem Kulturreichtum sei die Stadt finanziell überfordert, sagt Bücker heute, man versuche jetzt einen Teil der Verantwortung an das Land abzugeben. Er sei zuversichtlich: "Niemand hier will das Theater schließen."

Man könnte Dessau also vorsichtig als Beispiel dafür anführen, dass die zurzeit allerorten ausgetragenen Kämpfe nicht zwangsläufig böse enden müssen. Als Beispiel dafür, dass die Politik einlenkt, wenn die Bürger ihr kulturelles Erbe verteidigen. Damit schimmert in Dessau auch Hoffnung für die krisengebeutelten Häuser der Region: Gerade wurde ohne Debatte die Schließung des Thalia Theaters Halle beschlossen, das mit mutigen Inszenierungen die Probleme der Region (etwa rechtsradikale Tendenzen in der Fanbewegung "Ultras") ansprach, und die Insolvenz des Theaters Altenburg-Gera wurde gerade noch abgewendet. In Leipzig könnten durch eine Novelle des sächsischen Kulturraumgesetzes von 2011 an 2,5 Millionen Euro an Landesmitteln wegfallen, mit denen Sachsen die Landesbühnen Radebeul retten will. Das träfe in Leipzig vor allem Oper, Schauspiel und Gewandhaus, jeden Tag werden neue Horrorszenarios verhandelt – von reduzierten Spielplänen bis temporärer Schließung.

Doch in Dessau ein leises Aufatmen. Kein schöner Land – Bücker versteht das Motto schlicht als Liebeserklärung an das Theater als Ort der Arbeit und der Utopie. Und vielleicht ist es diese Leidenschaft, die dem Anhaltinischen Theater die Auszeichnung der Deutschen Bühne für ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Zentren einbrachte. Dabei kennt das Land schönere Orte als diesen schmucklosen Bau aus dem Jahr 1938, zu dessen Geschichte auch der erste Schauprozess der DDR unter Vorsitz von Hilde Benjamin gehört.

Jetzt wurde in Dessau die Uraufführung von Doktor Mabuse nach Motiven von Norbert Jacques und Fritz Lang gefeiert. André Bückers Inszenierung erreicht zwar nicht ganz den Wahnsinns-Sog von Langs Stummfilm (1922), beweist aber unaufdringlich, dass Doktor Mabuse und seine Opfer Menschen unserer Zeit sind, wie es im Untertitel heißt.

Mabuse, das Vorbild aller James-Bond-Schurken, manipuliert Börsenkurse und menschliche Sinne, um seinen Willen durchzusetzen. Das Theater erobert sich in Dessau sein ureigenstes Metier, das Spiel mit Masken und Wahrnehmung, zurück: In einer eindrücklichen Szene erscheint das Ensemble mit Monitoren vor den Gesichtern, und auf den Monitoren zucken menschliche Augenlider. Bückers Regieplan geht auf, und im dekadenten Spielermilieu der 1920er Jahre finden wir die Spaßgesellschaft von heute wieder. Nur als sehnsuchtsvoller Ruf nach "Eitopomar", einer Inselgesellschaft, geformt nach dem Willen Mabuses, klingt die Utopie des Universalverbrechers an. Für Doktor Mabuse jedoch, dem sich ausgerechnet die begehrte Frau verweigert, kann es kein schönes Land geben.