Ich sitze im Abteil eines Zuges von Hamburg nach St. Petersburg, das monotone Schaukeln lässt mich einschlafen. Der Zug hält im Nirgendwo. Über die Lautsprecher wird uns mitgeteilt, dass wir die nächsten 40 Jahre an diesem Ort verbringen werden, ohne Kontakt zur Außenwelt. Jeder von uns muss seine Ziele, seine Träume der neuen Situation anpassen. Muss sich möglicherweise nach einem Partner umsehen, in einer Gruppe von Dutzenden fremder Menschen, die für die nächsten Jahrzehnte die ganze Welt sein werden.

Oder: Ich lebe in einem Land, das evakuiert werden muss. Das geschieht per Lotterie; jeder zieht ein Lebenslos, das bestimmt, wie und wo sein Leben weitergeht. Land, Rolle, Status werden komplett neu gemischt: Alleinerziehende Mutter von fünf Kindern in einem Slum, Prinzessin in einem Inselreich, alles ist möglich.

Zu meinen Füßen tut sich die Erde auf. Zuerst habe ich furchtbare Angst, von der Erde verschluckt zu werden. Aber ich stürze nicht, sondern schwebe sanft hinunter. Über mir schließt sich die Erde, eigentlich ein Moment großen Schreckens, aber mich überkommt tiefe Ruhe. Meinen Schauspielschülern habe ich oft gesagt, die Energie, die sie für ihre Arbeit brauchten, käme vom Erdkern. Jetzt dringe ich also zur Quelle dieser Kraft vor. Unten umschließt mich eine feuerrote warme Blase. "Endlich angekommen", denke ich glücklich. "Das muss ich meinen Studenten erzählen!"

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Eine Luftfontäne trägt mich nach oben, ein berauschendes Gefühl. Oben steht ein afrikanischer Elefant. Wie es wohl wäre, in seinen Rüssel zu kriechen? Wie im Geburtskanal vielleicht? Ich gleite durch den Rüssel in den Kopf des Elefanten. Er steht an einem Abgrund. Obwohl ich unter Höhenangst leide, fürchte ich mich nicht. Ich strecke meine Arme in die Elefantenohren, schwinge sie wie Flügel und fliege los, im Kopf des Elefanten, der Körper bleibt zurück. Es fühlt sich toll an zu fliegen. Nur der Rüssel macht etwas Probleme, er baumelt hin und her und bringt mich aus der Balance.

Mit einem Mal ist der Elefantenkopf verschwunden, und ich fliege auf einem wackeligen Holzstuhl. Nur die Ohren sind mir geblieben. Ohne den Schutz des Kopfes fühle ich mich etwas mulmig und klammere mich an meinem Stuhl fest. Aber der Stuhl rast steil abwärts, wie auf einer Achterbahn. Dann besinne ich mich auf meine Flügel, stoße mich ab vom Stuhl und gleite mit meinen Elefantenohrenflügeln zur Erde. Und lande mitten auf einer Bühne, umringt von meinen Studenten. Ich will von meinem Erlebnis erzählen, aber sie wickeln mich in ein Segel, verknoten es und ziehen mich über Kopf hoch bis unter die Bühnendecke. Ich frage mich, was das soll. Unter mir haben sich die Studenten zu zehnt aufeinandergestellt, sie sagen: Wir wissen schon alles! Der Oberste greift nach meinen Händen, und wir rauschen gemeinsam in die Tiefe. Dann gibt es einen Ruck, der Zug kommt zum Stehen, und ich wache auf.

Aufgezeichnet von Jörg Böckem

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