Sie galt als eine der größten Umweltkatastrophen der USA; sie wurde zum Debakel für BP und zur Bewährungsprobe für Barack Obama. Mittlerweile ist die Ölpest im Golf von Mexiko aus den Schlagzeilen verschwunden, das Bohrmoratorium aufgehoben . Doch noch immer ist das ganze Ausmaß des Schadens nicht absehbar. Sechs Monate nach dem Untergang der Bohrplattform Deepwater Horizon war die Ölkatastrophe das Hauptthema auf der Jahrestagung des amerikanischen Umweltjournalistenverbandes in Montana. Dort zogen Wissenschaftler und Vertreter der zuständigen US-Behörden eine vorläufige Bilanz. Tenor: weniger akute Schäden als befürchtet, langfristig aber unklare Gefahren.

In nüchternen Zahlen liest sich die Katastrophe heute so: 4,9 Millionen Barrel Öl sind zwischen dem 20. April und dem 16. Juli ins Meer geströmt . Mehr als 300 wettkampftaugliche Schwimmbäder ließen sich damit füllen. Zweieinhalb weitere Schwimmbadfüllungen an chemischen Zersetzungsmitteln wurden über und unter Wasser versprüht. 8184 Vögel und 1140 Meeresschildkröten, die tot oder verölt waren , wurden von Zehntausenden Helfern eingesammelt. 750 Kilometer Küste haben leichte Ölspuren abbekommen, schwere Verschmutzungen gab es nicht. Über ein Drittel der amerikanischen Hoheitsgewässer war zeitweise für die Fischerei gesperrt, inzwischen sind 81 Prozent davon wieder freigegeben. Die Schadstoffbelastung aller dort gefangenen und getesteten Tiere lag unterhalb der Grenzwerte.

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Bereits am 4. August, knapp drei Wochen nach dem Abdichten des Bohrlochs , hatte die zuständige Meeresbehörde Noaa eine vorläufige Bilanz veröffentlicht . Ein Viertel des ausgelaufenen Öls sei gleich nach dem Austreten abgesaugt oder abgebrannt worden, hieß es darin. Was allerdings mit den restlichen 3,7 Millionen Barrel geschah, darüber gibt es bis heute nur Schätzungen.

Rund ein Drittel davon sei bereits auf natürlichem Weg verdunstet oder von Mikroben aufgelöst worden , versicherte Noaa-Chefin Jane Lubchenco nun in Montana. Ein weiteres Drittel befinde sich chemisch noch unverändert im oder auf dem Wasser, an den Stränden oder im Meeressediment. "Die größten Sorgen macht uns das letzte Drittel, das auf natürlichem Weg oder durch den Chemikalieneinsatz in feinste Tröpfchen zersetzt wurde", sagte Lubchenco. Inzwischen sehe das Wasser fast überall wieder klar aus , "doch verdünnt heißt nicht unschädlich". Das leichte und fast schwefelfreie Erdöl der Sorte Louisiana Crude werde zwar im warmen Wasser des Golfs relativ schnell abgebaut, bezüglich der langfristigen Auswirkungen auf Fauna und Flora gebe es aber "noch viel, was wir nicht wissen". Mehr Geld für hartnäckige Forschung sei nötig.

"Wir sind stinksauer, dass die Story um die Welt ging, wir seien von BP gekauft."

Für die letzte Forderung erntete Lubchenco in Montana freundlichen Applaus. Für die schnelle Veröffentlichung konkreter Zahlen über den Verbleib des ausgelaufenen Öls wurde ihre Behörde dagegen kritisiert. "Eine wissenschaftliche Grundlage gab und gibt es dafür nicht", sagte Chris D’Elia , Leiter des Instituts für Küsten und Umwelt an der Louisiana State University, "die Veröffentlichung war rein politisch motiviert."

D’Elia selber hatte im Mai für Schlagzeilen gesorgt. Während das Öl noch sprudelte, kündigte BP an, 500 Millionen Dollar für die Erforschung der Folgen zur Verfügung zu stellen, und garnierte die Presseerklärung mit einem Zitat von D’Elia. Dessen Wortlaut sei zwar abgesprochen gewesen, der Kontext, in dem es dann verwendet wurde, jedoch nicht, schwor der Meeresbiologe vor 350 Umweltjournalisten. "Wir sind stinksauer, dass die Story um die Welt ging, wir seien von BP gekauft." Tatsächlich habe BP seinem Institut zehn Millionen Dollar für exklusive Forschungsarbeiten angeboten. Dies habe er jedoch abgelehnt, so D’Elia, und stattdessen fünf Millionen unter der Bedingung angenommen, dass alle Ergebnisse jederzeit veröffentlicht werden dürften. "Es gibt sicher ein paar korrupte Kollegen", ergänzte D’Elia im kleinen Kreis, "die allermeisten wollen aber einfach nur unbehelligt forschen."

Auch Bob Haddad, Noaa-Abteilungsleiter für Schadenserhebung und -beseitigung, glaubt, dass der Einfluss des Ölmultis auf die Unabhängigkeit der Forschung überschätzt wird. "Es ist nur ein einziges Mal vorgekommen, dass wir einen Wissenschaftler beauftragen wollten, der bereits bei BP einen Exklusivvertrag unterschrieben hatte." Wer das war, wollte Haddad allerdings nicht verraten.