Caren Ley, Bundesgeschäftsführerin der Linkspartei, schimpft über "Tricksereien bei den Arbeitsmarktzahlen " und ein "vermeintliches Jobwunder". Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sieht "Deutschland in Schieflage", er beklagt unsichere Jobs und verängstigte Arbeitnehmer. Frank Bsirske, Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, lässt ein Papier verteilen, in dem die Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen zehn Jahre zu einem einzigen Desaster erklärt wird. Es gebe höchstens einen "Aufschwung der schlechten Jobs" .

Glaubt man den Kritikern, muss Deutschland an einem Tiefpunkt angelangt sein. So schlecht wie heute ging es uns wohl lange nicht. Tatsächlich erlebt das Land gerade ein höchst erfreuliches Tief: Die Zahl der Arbeitslosen sinkt auf unter drei Millionen. Aber alle Experten sind sich einig: Die wichtigste Zahl des Landes geht in den nächsten Monaten weiter nach unten. Die Weltwirtschaftskrise II wäre dann – zumindest am deutschen Arbeitsmarkt – nur eine kurze Episode gewesen. Abgelöst von einem mächtigen Aufschwung. Einem Boom, der gerade erst begonnen hat und sich den Prognosen zufolge 2011 fortsetzen wird.

Doch das Misstrauen sitzt tief in einem Land, das Skepsis ohnehin zur ersten Bürgerpflicht erklärt und das Jahrzehnte mit fast unaufhörlich steigender Arbeitslosigkeit hinter sich hat. Warum, fragen sich viele, sollte es diesmal anders sein? Darf man Arbeitslosenstatistiken trauen? Und wenn ja: Stehen dahinter nicht lauter miese, schlecht bezahlte Jobs?

Antwort: Es ist diesmal anders, und die populärsten Einwände sind glatte Irrtümer. Sie verleiten zu politischen Fehlschlüssen. Denn die Lage am Arbeitsmarkt ist tatsächlich viel besser, als es die Kritiker wahrhaben wollen.

Der erste Irrtum: Die schönen Zahlen beruhen nur auf einer geschönten Statistik. In Internetforen gehört diese Behauptung zum festen Repertoire der Wortmeldungen. Und es stimmt ja: An der Arbeitsmarktstatistik wird gern herumgefummelt. Erst vor zwei Jahren entschied die Bundesregierung, dass Arbeitslose nicht mehr als Arbeitslose zählen, wenn sie von privaten Arbeitslosenvermittlern betreut werden. Absurd, aber die Statistik lässt das schöner aussehen.

Trotzdem beruhen die guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt keineswegs auf bloßer Kosmetik. Früher war die Statistik nämlich viel dicker geschminkt als heute. Allein die Hartz-IV-Reform hat Hunderttausende erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger wieder sichtbar gemacht. Nicht zuletzt deshalb stieg die Zahl der registrierten Arbeitslosen damals sprunghaft auf über fünf Millionen. Inzwischen lassen sich auch ältere Erwerbslose nicht mehr so leicht in der Statistik verstecken wie früher. Und die millionenfachen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die in den neunziger Jahren außer Kosmetik wenig brachten, sind heute ebenfalls deutlich seltener.

Nimmt man nicht nur die Zahl der registrierten Arbeitslosen, sondern rechnet alle Menschen in den verschiedensten Spalten der Statistik zusammen, die eigentlich gern arbeiten würden, aber keinen (realen) Job haben, dann zeigt sich: Arbeitslos in diesem Sinne sind derzeit etwa vier Millionen. Das ist viel, aber immer noch deutlich weniger als in den vergangenen 20 Jahren seit der Wiedervereinigung. Insofern ist tatsächlich ein Rekordtief erreicht. Ein erfreuliches. Das schlimmste Jobdrama erlebte die Republik nach diesen Zahlen im Übrigen schon zu Zeiten von Helmut Kohl – 1997 waren fast 6,5 Millionen offiziell und inoffiziell arbeitslos.

Die Rolle der Demografie

Irrtum Nummer zwei: Die Arbeitslosigkeit sinkt bloß wegen der Demografie. Seit einigen Jahren gehen jährlich mehr Menschen in Rente, als neu in das Berufsleben drängen. In diesem Jahr verringert sich die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte Prognosen zufolge um rund 90.000. Da liegt der Schluss nahe, die Arbeitslosigkeit gehe schlicht deshalb zurück, weil immer weniger Menschen nachkommen.

Wer genauer hinschaut, stellt fest: Als Erklärung reicht das nicht. Mit einer schrumpfenden Bevölkerung lässt sich schwerlich begründen, warum nicht bloß die Menge der Arbeitslosen sinkt, sondern auch die Zahl der Menschen, die Arbeit haben, wächst . Sie steuert auch auf einen Rekord zu. Die Wirtschaftsinstitute erwarten für das kommende Jahr erstmals 40,7 Millionen Erwerbstätige. Da muss mehr im Spiel sein als die Alterung, die ohnedies noch so langsam voranschreitet, dass sie den rasanten Rückgang der Arbeitslosigkeit um fast 2,5 Millionen innerhalb von fünf Jahren nicht erklären kann.

Stattdessen ist es ein ganzer Mix aus Gründen, der das Jobwunder bewirken dürfte: die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre ebenso wie die Lohnzurückhaltung. Oder ganz allgemein die Tatsache, dass die deutsche Volkswirtschaft große wirtschaftliche Schocks wie die Wiedervereinigung, die Euro-Einführung und die Osterweiterung der EU inzwischen verdaut hat. Zudem wachsen große Teile der Weltwirtschaft.

Welchen Anteil Beschäftigte und Unternehmer, Politiker und Ökonomen haben – es wird immer ein Streitpunkt bleiben. Sicher ist nur: Jahrzehntelang schwoll die Arbeitslosigkeit in Deutschland von Krise zu Krise weiter an. Selbst im tollsten Boom blieb ein jeweils höherer Sockel an Unbeschäftigten übrig. Das gilt nicht mehr. Heute bröckelt diese Sockelarbeitslosigkeit.

Der dritte Irrtum: Es gibt keine sicheren Jobs mehr. Früher war das anders, da sind sich alle einig. Als Angestellter bekam man zum 30. Dienstjubiläum eine goldene Uhr geschenkt und räumte seinen Arbeitsplatz erst, wenn man in Rente ging. Das waren stabile Zeiten, heute muss man flexibel sein, von einer Stelle zur nächsten hüpfen, sogar von Beruf zu Beruf, um sich bis zur Rente durchzuschlagen. Viele Menschen sind nur befristet beschäftigt oder als Leiharbeiter – auch deshalb wird die Arbeitswelt unsicherer, instabiler, prekärer .

"Ich habe das selbst geglaubt", sagt Marcel Erlinghagen, "als ich daran zu forschen begann. Aber es stimmt nicht." Erlinghagen, Sozialwissenschaftler am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, beschäftigt sich seit nunmehr zehn Jahren mit dem Thema, und das Ergebnis all seiner Untersuchungen ist eindeutig: Die Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland (wie übrigens auch in anderen Industrieländern) sind so stabil wie eh und je. Im Durchschnitt waren die westdeutschen Arbeitnehmer des Jahres 2008 schon seit rund zehn Jahren bei ihrem gegenwärtigen Arbeitgeber beschäftigt . Das ist derselbe Wert wie bei einer Erhebung im Jahr 2000. Oder wie 1995, 1990 oder 1985. Zehn Jahre.

Die Kurve, die Erlinghagen dazu in eine Grafik gemalt hat, steigt nicht, fällt nicht, sie geht einfach von links nach rechts übers Blatt. Eine weitere Linie für Ostdeutschland hat ein paar Zacken, ist aber inzwischen auch in der Zehnerregion angekommen. Der Forscher Erlinghagen ist kein Träumer. Kollegen kommen zu ähnlichen Befunden.

Das Ergebnis widerspricht aller Intuition. Erlinghagen hat inzwischen eine ganze Reihe von Gründen gefunden. So bedeutet befristete Beschäftigung nicht zwangsläufig, dass jemand nur kurz bei einem Unternehmen bleibt. Die Leiharbeit wiederum ist zwar ständig in den Schlagzeilen, repräsentiert aber nur einen Bruchteil des Arbeitsmarktes von etwa zwei Prozent. Und: "In zwei Branchen gibt es heute tatsächlich besonders viele unsichere Jobs", sagt Erlinghagen, "in der Forschung und in den Medien. Also dort, wo Meinungen produziert werden." In der Öffentlichkeit entstehe deshalb leicht ein verzerrtes Bild der Arbeitswelt.

Rund vier Millionen brauchen eine Stelle

Das vielbeschworene "Normalarbeitsverhältnis" – also die sozialversicherte Vollzeitstelle, unbefristet, keine Leiharbeit – stirbt nicht aus. So weist es das Statistische Bundesamt aus. Zwar hatten die Deutschen Ende der 1990er Jahre schon einmal mehr solcher Jobs inne. Allerdings zählte die Zeitarbeit damals statistisch noch zu diesen gewöhnlichen Jobs. Außerdem hat ihre Zahl seit 2005 schon wieder um rund eine Million zugenommen. Zuletzt wuchs eben beides: die normale und die prekäre Beschäftigung.

Vierter Irrtum:Neue Jobs sind schlecht bezahlt , nur der Niedriglohnsektor wächst. Das stimmt, sofern man die Uhren um etwa zehn Jahre zurückdreht. Damals stieg die Zahl der Billigjobs dramatisch an. Innerhalb von fünf Jahren kletterte ihr Anteil von 14,7 auf 20,3 Prozent. Ein Grund war die Zunahme der geringfügigen Beschäftigung (400-Euro-Jobs). Aber diese Entwicklung fand eben schon zwischen 1998 und 2003 statt, Jahre vor diesem Aufschwung oder auch der Hartz-IV-Reform, die oft damit in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich kam der Trend nach 2003 faktisch zum Stillstand. Erhebungen des IAQ zufolge sank der Anteil der Niedriglohnjobs zuletzt zwei Jahre in Folge, wenn auch nur leicht.

Irrtum Nummer fünf: Langzeitarbeitslose profitieren nicht vom Aufschwung. Es stimmt schon, für sie ist es am härtesten, wieder in Arbeit zu kommen . Besonders am Anfang eines Booms werden die Kurzzeitarbeitslosen zuerst eingestellt. Dennoch hat sich die Zahl der Menschen, die schon länger als ein Jahr auf Jobsuche sind, deutlich verringert. Zwischen 2004 und 2009 halbierte sie sich fast – von 1,7 Millionen auf 933.000. Die Langzeitarbeitslosigkeit nahm im vergangenen Aufschwung sogar stärker ab als die Kurzzeitarbeitslosigkeit (um 40 statt 30 Prozent). Eine ungewöhnlich gute Entwicklung.

Deshalb ist Deutschland noch lange kein Paradies für Arbeitssuchende. Rund vier Millionen brauchen eine Stelle. Das sind allen Erfolgen zum Trotz immer noch zu viele. Auch die Lohnentwicklung war im vergangenen Jahrzehnt mäßig: Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer hatte 2010 nicht mehr Kaufkraft als 2000. Jetzt ziehen die Löhne aber an.

Beklagen können sich noch immer viele, darunter die Leiharbeiter, bei denen sich das Risiko, den Job zu verlieren, konzentriert, während Arbeitnehmer "erster Klasse" davon wenig spüren.

Das ändert jedoch nichts daran, dass Deutschland etwas erreicht hat, das viele Skeptiker vor Kurzem für nahezu unmöglich hielten. Es wäre ein "Kunststück", ja ein "Geniestreich", erklärte vergangenen Frühling Gustav Horn , Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, sollte es Deutschland tatsächlich gelingen, ohne große Jobblessuren durch diese Rezession zu kommen. Inzwischen räumte der Forscher im Gespräch mit der ZEIT ein, sei der Geniestreich geglückt. Bei aller Kritik, selbstverständlich.

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