Ehemalige Mitarbeiter denken, die grüne "Philosophie" werde instrumentalisiert, um Angestellte auszunutzen. Am Ende sei es schlicht um die Erreichung steigender Umsatzzahlen gegangen, erzählt eine ehemalige Schweizer Filialleiterin. 35 Franken sollten Mitarbeiter pro Kunde erzielen, an der Tür hänge ein Zähler. Die Absatzvorgaben kämen per Fax aus der Zentrale in Zug. Abends werde der Kassenstand durchgegeben, oft folgten Anrufe aus dem Steuerparadies, vor denen sie Angst gehabt hätte.

Eine andere Aussteigerin sieht ein System hinter der Einstellung unausgebildeter Personen. Sie erzählt, Bewerber seien abgelehnt worden, weil sie einen "zu starken Charakter" hätten. Immer wieder taucht der Sektenvorwurf auf. Lush sagt dazu, von solch einem Vorwurf noch nie gehört zu haben.

Auf der ersten Seite des Handbuches, das jeder Lush-Mitarbeiter lesen muss, steht freilich: "A Lush Life. Daran musst du glauben, das musst du verstehen." Und ein paar Seiten weiter hinten heißt es: "Du findest, das tönt, als wärst du bei einer Sekte gelandet? Hehe, ja, da bist du nicht die Erste/der Erste :-) Wir sind einfach keine "normale" Kosmetikfirma."

Tatsächlich. Im Dezember sollen die Aushilfen jeweils als "Weihnachtselfen" verkleidet erscheinen – um ein Wir-Gefühl zu entwickeln, um "aus sich rauszugehen", wie eine ehemalige Angestellte des Zürcher "Model Store" Lintheschergasse berichtet. Ihr wurde auch beigebracht, Kunden ungefragt anzusprechen und zu duzen. Bei Männern sollte sie Produkte vor die Brüste halten, mit dem Kommentar: "Das sind doch schöne Päckchen." Auch sollte sie Männern kurz auf den Schritt schauen, dann verschiedene Produktgrößen anbieten mit dem Spruch: "Größer ist doch immer besser, oder?" Dies bestätigt eine dritte Ex-Mitarbeiterin: "Wir nannten uns Öko-Prostituierte." Lush Schweiz sagt dazu: "Von sexuellen Andeutungen haben wir keine Kenntnis. Wir trainieren Weihnachtselfen und MitarbeiterInnen nicht in der beschriebenen Art. Das ist schlicht gelogen, stimmt einfach nicht. "

Zur Selbstbeurteilung bekommen die Lushinas einen fünfseitigen Bogen. Darin etwa die Frage: "Denkst du, dass deine Einstellung die Lush-Philosophie widerspiegelt? Bist du lushig?" 

Die Weihnachtselfe scheidet aus dem Unternehmen aus, als ihr bei einem dreieinhalbstündigen Mitarbeitergespräch diagnostiziert wird, eine multiple Persönlichkeitsstörung zu haben – weil sie nicht immer happy sei. Eine ehemalige Shopmanagerin geht nach einem "Review" mit dem Fazit, in ihr laufe ein Film ab, der sie hindere, Kunden wahrzunehmen.

Doris Trinkler, Mitinhaberin von Lush Schweiz, sagt dazu, die Verkleidung sei "absolut freiwillig", viele machten das nicht mit. Und Mitarbeitergespräche fänden zwei- bis dreimal pro Jahr "in offener Gesprächskultur" statt, man lerne von Mitarbeitern. Jede Kündigung erwäge man sorgfältig. Die Shopmanagerin habe gekündigt, weil sie mehr Lohn und mehr Ferien haben wollte.

Lush sei ein schlaues Geschäftsmodell, welches Umsatz und Umweltschutz immer über den einzelnen Angestellten stelle, sagt der ehemalige Stuttgarter Filialleiter Alexander Tsiaoussis. Dutzende von fragwürdigen Vorgängen in Filialen in Bonn, Hamburg, Stuttgart und München hat er dokumentiert. Damals dachte Tsiaoussis noch, die Probleme beträfen nur Lush Deutschland. Per Post, Mail und Fax informierte er die englische Geschäftsführung, nannte Details und bat um "Überwachung der Abläufe und Prüfung der Missstände". Eine Antwort hat er nie erhalten.