Jörg Asmussen, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, ist eine Konstante in der deutschen Politik. Seit mehr als zehn Jahren ist der 44-jährige Spitzenbeamte rund um den Globus im Einsatz. Er hat drei sozialdemokratischen Ministern gedient und einem christdemokratischen, zahllose internationale Wirtschaftsgipfel vorbereitet und Dutzende Kommuniqués aufgesetzt. In all den Jahren hatten seine Verhandlungspartner etwas an Deutschland zu nörgeln. Den Briten waren die Arbeitsmärkte zu starr, den Franzosen die Löhne zu niedrig , den Amerikanern die Steuern zu hoch.

Derzeit macht Asmussen eine ganz neue Erfahrung: Bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds vor zwei Wochen in Washington lobte die versammelte Finanzelite der Welt Deutschland als Erfolgsmodell. Wegen der boomenden Konjunktur, der niedrigen Arbeitslosigkeit, der Reformen. Ángel Gurría, der Generalsekretär der Industrieländerorganisation OECD, erklärte die Deutschen zum Wachstumsmotor der westlichen Welt, und selbst die resolute französische Finanzministerin Christine Lagarde verzichtete auf die üblichen Sticheleien gegen den Nachbarn.

Mögen viele Deutsche auch noch unzufrieden sein mit ihrer Konjunktur, das Ausland erkennt eine neue Stärke: Mit dem kräftigen Aufschwung , der die Republik erfasst hat, verändert sich die deutsche Position im internationalen Machtgefüge. Die Jahre, in denen die Deutschen in Europa vor allem wegen ihrer hohen Schulden von sich reden machten – sie wirken heute wie aus einer anderen Epoche. Das Land und seine Vertreter allerdings tun sich schwer mit der neuen Rolle. Deutschland tritt im Ausland immer noch so auf, als sei es eine schutzbedürftige Nation, die nur vom Export lebt.

Rainer Brüderle zum Beispiel. Der Wirtschaftsminister von der FDP war der Erste, der dem Aufschwung einen Namen gegeben hat. XL-Aufschwung hat er ihn genannt, und man kann wohl sagen, dass Brüderle sich selbst auch für ziemlich XL hält. Er lässt sich mit Ludwig-Erhard-Fibel in der Hand ablichten, hat zu fast allem eine Meinung und spricht gerne "Klartext". Was bislang dem heimischen Publikum vorbehalten war, konnte jetzt auch die Welt erfahren, denn Brüderle durfte am Wochenende den erkrankten Wolfgang Schäuble beim Treffen der G20 im koreanischen Kyongju vertreten. Besonders auf die Amerikaner hatte es der Pfälzer abgesehen . Deren Finanzminister Tim Geithner warf er einen "Rückfall in planwirtschaftliches Denken" vor.

Doch was den deutschen Minister erregt, würde seinem Land nützen. Geithner will neue Regeln für den Welthandel und die globalen Geldströme festlegen. Ähnlich wie es in Europa Obergrenzen für das Staatsdefizit gibt, so gäbe es dann global Obergrenzen für die Überschüsse und Defizite in den Handels- und Kapitalbilanzen eines Landes.

Die Idee der in Deutschland schnell zur "Exportbremse" verbrämten Regelung: Wenn das Verhältnis von Ausfuhren zu Einfuhren nicht mehr stimmt, müssen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Ein Land, das deutlich mehr Waren an den Rest der Welt verkauft, als es von da bezieht, müsste also beispielsweise seine Löhne anheben oder mehr Schulden machen, um dann mehr zu importieren. Als Grenzwert schwebt Washington die Marke von vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor.

Natürlich geht es den Amerikanern zuallererst um ihr Wohl. Sie sind darauf angewiesen, dass die Welt mehr amerikanische Produkte kauft. Dennoch würde der Plan eine Regulierungslücke schließen, die für eine stabile Weltwirtschaft noch bedrohlicher ist als unkontrollierte Staatsdefizite. Denn eines haben fast alle internationalen Finanzkrisen von Rang gemeinsam: Die grenzüberschreitenden Geld- und Güterströme veränderten sich so rasant, dass die betroffenen Länder es nicht verkrafteten.