Ausverkauf in der Unterwelt – Seite 1

Der Philosoph Robert Pfaller hat vor ein paar Jahren den Begriff Interpassivität geprägt für die Neigung des Menschen, sich entscheidende Handlungen des Lebens nicht mehr selbst zuzumuten, sondern Stellvertreter zu beschäftigen: Berufssportler bewegen sich für uns, Quizkandidaten siegen in unserem Namen, Pornodarsteller haben Sex an unserer Stelle, Kritiker nehmen uns das Lesen ab, Schattenchöre lachen für uns über die Witze der Sitcoms.

In alle Richtungen des Lebens, überall dorthin, wo’s wehtut, haben wir unsere Agenten vorausgeschickt, damit sie für uns Erfahrungen machen, die uns selbst zu mühsam sind, wir senden sie in die Wollust, den Schmerz, das Glück, die Erniedrigung, die körperliche Erschöpfung. Nur für die Reise in den Tod lassen sich Boten und Kuriere nur schwer finden.

Für diesen Bereich haben wir den Anatomen Gunther von Hagens, der aus toten Menschen unsterbliche Plastilinskulpturen formt. Diese Toten, mit Formalin und Silikon gefüllt, machten uns das Jenseits heller. Man sah sie, nackt und bis auf die Muskulatur gehäutet, auf Schlitten und auf Schaukeln, man sah sie beim Hochsprung im Fosburyflop, man sah einen toten Mann bei der Kopulation mit einer toten Frau, und die Schulterblätter der Frau standen von ihrem Rücken ab wie Engelsflügel.

Inzwischen rüstet sich der Doktor aus Deutschland für ein neues Projekt. Am 3. November eröffnet von Hagens den Onlinehandel mit Leichenteilen. Ein Ganzkörperplastinat wird für 69.615 Euro zu haben sein, ein Menschenkopf für 22.015 Euro, ein Hirn für 4165 Euro. Und dann gibt es Leichen in Scheiben, fein gesägte "Scheibenplastinate", mit Kunststoff imprägniert und gehärtet. All diese Angebote sind, so heißt es auf von Hagens Website, "qualifizierten Nutzern" vorbehalten.

Dass in einem Land, in dem einst aus Menschenhäuten Lampenschirme gemacht wurden, nun ein Wissenschaftler seinen Onlinehandel mit Menschenmuskel und -gebein eröffnet, ist eine ziemlich schräge Arabeske des Schicksals. Und wie lässt es sich erklären, dass Tausende von Deutschen nur darauf warten, vom Meister nach ihrem Ableben konserviert, zersägt, ausgestellt und in "Sprengschädel"- und Scheiben-Gestalt verkauft zu werden? Eine Erklärung mag sein, dass der Verstorbene seinen Nachfahren alle Kosten erspart: Die Toten werden vom Bodymobil des Anatomen gratis abgeholt und der Verwertung zugeführt. Ansonsten geben die Körperspender auf von Hagens Warteliste vor allem zwei Gründe an, warum sie ein Nachleben in Plastik führen wollen: Sie bleiben am Licht, und der Wurm kriegt sie nicht.

Die meisten Spender stammen aus Deutschland, und die allermeisten von diesen wünschen sich, nach dem Tod als verschmitzter Schachspieler arrangiert zu werden, der sich lächelnd, gern mit geöffneter Schädeldecke, über das Brett beugt: in ein unendliches, sonniges Spiel siegesgewiss vertieft.

Im antiken Drama heißt es: "Bedenke, dass nie wiederkehrt, wer starb." Dagegen hilft nur eins: gar nicht gehen, gar nie gegangen sein! Wer in von Hagens Obhut gerät, der verwandelt sich in einen Wertgegenstand, in ein Objekt, ja letzten Endes, in Scheibchenform, in eine Art Spielgeld. Der tote Mann geht nicht ein in die Unterwelt, sondern er geht ein in die Kunst und den Markt. Er verlässt nie den Produktkreislauf der Lebenden: Er zirkuliert im großen Casino.

 

Es gibt in England eine Künstlerin, sie heißt Vanessa Beecroft, die ebenfalls gern mit nackten Menschenkörpern arbeitet, allerdings mit lebenden: Sie arrangiert nackte Models zu starren Gruppen und lässt sie stundenlang so stehen, den Blicken der Zuschauer ausgesetzt. Sie tue das, so Beecroft, um bis an die Grenze des Leidens zu gehen. Sie ziehe es aber vor, durch andere zu sprechen; so entstehe in ihrer Abwesenheit "eine Art Superporträt meiner selbst".

Ist das nicht auch das Verfahren des Gunther von Hagens? Formt nicht auch er aus fremden Körpern das Superporträt seiner selbst? Aber nein, von Hagens wird am Ende auch sich selbst in Umlauf bringen. Er rüstet sich für einen großen Auftritt. Im Grunde habe er, so sagte er einmal, längst mit seiner eigenen Plastination begonnen. Von einem Schönheitschirurgen ließ er sich zurechtmachen für die Ewigkeit, und nach seinem Tode will er sich selbst, zersägt in 120 Scheiben, auf die Reise begeben: Sein Körper soll, eine letzte Angebotsexplosion, in alle Welt versendet werden. Eins hat von Hagens noch versprochen: Seinen Hut will er, während er zersägt wird, aufbehalten.