Es regnet. Ganz banal: Wasser fällt vom Himmel. Es tropft von den Bäumen, und es sitzt in Glitzerperlen an den langen Grashalmen. Es schlägt Abermillionen kleiner Krater in die Oberfläche des Hirschler Teiches. Der kann’s ab. Bis zu 700000 Liter fasst der Teich, der in Wahrheit gar kein Teich ist, sondern das höchste und größte Becken einer riesigen mittelalterlichen Regenwasserauffanganlage, ohne die der Oberharz nie zu einer der bedeutendsten Bergbauregionen Deutschlands geworden wäre. Denn auch wenn man es an diesem regnerischen Nachmittag nicht für möglich hält: Der Oberharz hat ein Wasserproblem. Oben, auf den Bergen, gibt es zu wenig davon, unten, in den Bergen, viel zu viel.

Der Regen, der hier reichlich fällt, 1600 Milliliter pro Jahr, sickert durch Spalten und Ritzen gleich tief ins Gestein hinein. Er breitet sich aus in den Schächten und Stollen, die den Oberharz heute durchziehen wie Adern den Körper eines Tieres. Wasser tropft durch Wände, vereinigt sich erst zu Rinnsalen, dann zu Bächen, schließlich zu unterirdischen Strömen und flutet die Hohlräume, in denen einst Silber lagerte, Eisen, Kupfer, Blei und Zink. Im Mittelalter machte das Wasser den Bergleuten das Leben zur Hölle: Denn was sie herauskratzten aus den Bergen, füllte es gleich wieder.

Auf den ersten Metern schöpften Wasserknechte das Sickerwasser mit Ledereimern nach oben, weiter unten trieben Pferde die Göpelanlagen an. Doch gegen das Wasser in den tieferen Schächten vermochten Mensch und Tier allein nichts mehr auszurichten. Hier setzten die Bergleute Kolbenpumpen ein. Ihr Antrieb: Wasserkraft. Sie brauchten also Wasser, um die Schächte vom Wasser zu befreien. Doch weil die Flüsse in den höheren Lagen noch nicht genug Wasser führen, mussten sie erfinderisch sein. So entstand mit den Jahrhunderten ein weit verzweigter Wasserspeicher aus 143 Stauteichen, 500 Kilometer Gräben und 30 Kilometer unterirdischen Kanälen: das Oberharzer Wasserregal.

"Regal" kommt in diesem Fall vom lateinischen iura regalia, dem königlichen Hoheitsrecht. Denn wie das Land und dessen Bodenschätze unterstand auch das Wasser im Mittelalter dem jeweiligen Herrscher. Er konnte es verschenken, verleihen oder verpachten – und im Gegenzug Steuern oder Gefälligkeiten einheimsen.

Heute gehört dieses Ingenieurskunstwerk, das kürzlich von der Unesco zum Kulturerbe erklärt wurde, zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Gegend. 22 Wasserwanderwege führen entlang der Gräben. Kleine Schilder mit grünen Wasserrädern darauf schicken Besucher zum "Alten Dammgraben", um die "Clausthaler Teiche" herum oder zur "Huttaler Widerwaage". Doch nicht einmal ein Extremsportler würde es schaffen, das gesamte Wasserregal in einer Woche zu erwandern. Als Besucher braucht man also einen anderen Plan, um diese gewaltige Anlage zu fassen zu kriegen, die sich mit den Jahrhunderten immer weiter ausgedehnt hat, dorthin, wo gerade die ertragreichsten Minen lagen.

Von oben, dem höchsten Punkt am Hirschler Teich, begibt man sich am besten gleich ganz nach unten, zur Grube Samson nach St. Andreasberg. Rote Ziegeldächer ducken sich zwischen den Bergen im Regen. Im Winter muss hier einiges los sein. Sechs Schlepplifte und zwei Doppelsesselbahnen gibt es im "alpinen Skizentrum des Harzes" und eine Schneerutschbahn für jene, die lieber auf alten Autoreifen ins Tal schlittern.

An die Bergbauvergangenheit erinnern ein kleines, liebevoll eingerichtetes Museum und der Glockenturm auf dem 629 Meter hohen Gipfel des Glockenberges. Als hier noch Silber aus dem Boden zu holen war, läutete die Glocken jeden Morgen um vier Uhr die Bergleute zur Schicht. Schlugen sie später am Tag noch mal, so war das kein gutes Zeichen. Dann kündeten sie von einem Grubenunglück in dem seinerzeit tiefsten Bergwerk der Welt.

Die Grube Samson war kein schöner Ort. Nach einem Besuch am 12. Dezember 1777 notierte Johann Wolfgang von Goethe: "Abends eingefahren in Samson, durch Neufang auf Gottes Gnade heraus. Ward mir sehr sauer diesmal." 810 Meter ging es den Schacht hinab, unten zweigten die Stollen ab, ein kompliziertes Labyrinth von insgesamt knapp 80 Kilometer Länge. Über Leitern dauerte der Abstieg knapp zwei Stunden, der Aufstieg entsprechend länger, Stunden, die nicht zur Arbeitszeit zählten.