DIE ZEIT: Wenn Sie in Berlin sind, gehen Sie immer gerne in die Paris Bar. Ist das nicht ein wenig von vorgestern?

Ernst-Wilhelm Händler: Ich unterhalte mich hier immer großartig. Das liegt auch daran, dass man unfehlbar an die Wiener Gruppe erinnert wird, die für mich sehr wichtig ist. Die Paris Bar ist ja aus dem Exil entstanden, das Oswald Wiener von 1969 bis 1986 geführt hat.

ZEIT: Welche Bedeutung hat Oswald Wieners Die Verbesserung von Mitteleuropa für die deutsche Literatur?

Händler: Für mich sind Oswald Wiener und Konrad Bayer ganz fundamental. Das ist eine verschärft intellektuelle Literatur, die es in Deutschland auch deshalb schwer hatte, weil Marcel Reich-Ranicki dafür überhaupt keine Ader besaß. Der Wiener Gruppe ging es nicht um die künstlerische Darstellung von etwas, die Texte erkunden Wahrnehmungsformen und untersuchen Denkvorgänge mit literarischen Mitteln. Die Autoren haben den Schock des Nationalsozialismus genutzt, um radikal mit der Tradition, auch mit derjenigen der erzählerischen Moderne, zu brechen. Heinrich Böll dagegen hat aus der Katastrophenerfahrung ästhetisch überhaupt keine Konsequenzen gezogen.

ZEIT: Gibt es heute in der deutschen Gegenwartsliteratur Fortsetzungen dieser Tradition?

Händler: Leider nicht. In Österreich wurde diese Tradition fortgeführt, unter anderem auch vom frühen Peter Handke. Jetzt ist die österreichische Literatur allerdings im Handstreich von geborenen Erzählern übernommen worden: von Thomas Glavinic, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier. Das ist ein totaler Paradigmenwechsel.

ZEIT: Und wie sieht es in Deutschland aus?

Händler: In der Prosa gibt es augenblicklich so gut wie keine innovativen formalen Experimente. Aber das ist nicht das Hauptproblem, das ich mit der deutschen Gegenwartsliteratur habe. Als Leser vermisse ich, dass zwei elementare menschliche Triebfedern in ihr überhaupt keine Rolle spielen: Das Streben nach Macht und nach Geld. Die Machtworte und die großen Zahlen kommen in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen vor, aber nicht in den Romanen. Das finde ich überraschend und beklagenswert. Alle Menschen haben Probleme mit den Themen Macht und Geld, aber die Literatur ignoriert das.

ZEIT: Ist das eine neuere Entwicklung?

Händler: Durchaus. Zählen Sie einmal nach, wie viele Courantmark-Summen in den Buddenbrooks vorkommen…