Vor wenigen Wochen erschienen erstmals Ernst Jüngers Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg, die später zur Grundlage seines berühmten Buches "In Stahlgewittern" wurden (ZEIT Nr. 40/10). Rohheit und Unreflektiertheit des Ausdrucks riefen einiges Befremden bei den Rezensenten aus. Indes zeigt ein Gespräch, das Jünger 1966 mit dem Literaturwissenschaftler Heinz Ludwig Arnold führte, dass er sich der Unreife der Tagebuchnotizen bewusst war und sie auch niemals zum Druck vorgesehen hatte. Das aufschlussreiche Gespräch, bisher unveröffentlicht, entstand im Zusammenhang mit einer kleinen Monografie, die Arnold, von 1961 bis 1964 Privatsekretär Jüngers, über den Autor vorbereitete.

Heinz Ludwig Arnold: Als Sie im Ersten Weltkrieg Ihre Tagebücher führten – schrieben Sie damals schon mit einer Absicht?

Ernst Jünger: Jedenfalls nicht mit der Absicht auf Publikation. Fast jeder Soldat führte damals ein Tagebuch. Bei mir kam vielleicht ein Trieb zum Dokumentarischen hinzu, aber nur in bezug auf die Fixierung des eigenen Erlebnisses. Ich konnte ja auch fallen – das war sogar wahrscheinlicher. Da denkt man nicht an Literatur.

Arnold: Und als die Tagebücher in Form der Stahlgewitter veröffentlicht wurden?

Jünger: Dazu habe ich die Tagebücher noch stark bearbeitet. Sie haben ja die kleinen Notizbücher gesehen, die ich damals immer führte. Das mußte erst einmal in Kapitel gebracht werden. Und dann in eine Prosa, die ich vor mir verantworten konnte. Ich habe mich immer wieder bemüht, die Sprache zu vereinfachen.

Arnold: Die Publikation erfolgte schließlich aus dokumentarischem Interesse?

Jünger: Natürlich. Damals war Stendhal mein Meister. Man liest bei ihm öfters: "Ich bin neugierig, was man im 20. Jahrhundert darüber sagen wird." Gut. Auch im 21. Jahrhundert wird man die Dinge anders werten als jetzt, wo man sie durch die trübe Brille von zwei verlorenen Weltkriegen sieht. Die historische Wertung wird die politische ablösen.

Arnold: Sie nahmen also die Notizbücher, als Sie in den Krieg zogen, allein in der Absicht mit, Ihrem Hang zur Beobachtung zu entsprechen?

Jünger: Gewiß. Sie dürfen das einfach als Trieb ansehen. Wie Bauern ihren Acker pflügen, habe ich das Bedürfnis, Situationen, die ich sehe und erlebe, festzuhalten. Das habe ich immer gehabt, auch im Zweiten Weltkrieg, aber selbst bei einem einfachen Ausflug, wenn ich Pflanzen und Tiere sammle oder beobachte.

Arnold: Wie kam es dann zu den weiteren Kriegsbüchern Das Wäldchen 125 und Feuer und Blut?

Jünger: Es gab damals schon, was man heute "Bewältigung" nennt. Damals war es allerdings nur der verlorene Krieg. Die Väter hatten uns eine Aufgabe gestellt – warum hatten wir sie nicht gelöst? Dazu das Mißverhältnis zwischen Leistung und Erfolg. Die rote Welt, aus der wir kamen, wurde von einer grauen abgelöst. Es dauerte zehn Jahre, ehe ich mir das erst einmal von der Seele geschafft hatte.