Das Panoramamuseum in Bad Frankenhausen ist das bequemste Museum der Welt. Erstens findet man überall Sitzpolster, und zweitens gibt es nur ein einziges Bild. Aber was für eins! 123 Meter lang, 14 Meter hoch spannt es sich zu einer gewaltigen Rotunde, zeigt in leuchtenden Farben eine ganze Welt, eine ganze Epoche, und man selber sitzt verloren im Dunkeln, sucht Anfang und Ende. Zuerst fällt der Blick auf die gigantische Schlacht, die unter einem Frühlingshimmel tobt. Tausende von Bauern und Bürger kämpfen gegen das Söldnerheer der Fürsten, ein Regenbogen spannt sich über die thüringischen Hügel, und mittendrin steht Thomas Müntzer. Einsam und verloren wirkt er, die Fahne liegt am Boden, und neben ihm trommelt der Tod zum letzten Geleit.

Das ist der Ausgangspunkt, der Bauernkrieg und die Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525, als Müntzers Rebellen ihre furchtbarste Niederlage erlitten. Etwa 6000 Menschen wurden damals umgebracht. In der Sprache der DDR handelte es sich um eine "frühbürgerliche Revolution", und die DDR, die sich als Vollenderin dieser Revolution betrachtete, beschloss Anfang der Siebziger, am Ort des Geschehens ein Denkmal zu errichten. Werner Tübke, Professor für Malerei an der Leipziger Hochschule, erhielt den Auftrag und arbeitete fast zwölf Jahre an dem 1722 Quadratmeter großen Bild. Im September 1989 wurde das Museum eröffnet, zwei Monate vor dem Ende der DDR.

Es ist kaum zu glauben, dass dieses mit ideologischem Vorsatz begonnene Projekt unbehindert ans Ziel kam, denn Tübke lieferte nichts von dem, was sich die Auftraggeber vermutlich erhofft hatten, weder eine optimistische Philosophie noch einen illustrativen Bilderbogen. Aus dem Panorama spricht abgrundtiefer Fatalismus. Die Rotunde kennt nicht den Fortschrittspfeil, nur die Wiederkehr des Gleichen. Und die malerische Manier hat weder mit Realismus noch gar mit Naturalismus zu tun. Sie greift zurück auf den Bildervorrat der Zeit, zitiert Bosch, Bruegel oder Cranach, verfremdet und überbietet sie. Antike Mythen, biblische Motive und mystische Visionen spielen eine große Rolle, am sichtbarsten die Apokalypse des Johannes. Geschichte ist hier ein grausames Karussell der Gemeinheit und der Heilsgewissheit, der Aufbrüche ins Grandiose und der Abstürze ins Finstere.

Man begreift das erst nach und nach, die Vielzahl der Szenen ist verwirrend. Da sieht man im Schnee den Turmbau zu Babel, eine Ruine, in deren Vordergrund sich lasterhaftes Treiben abspielt, angeführt von der Hure Babylon. Rechts wiederum Thomas Müntzer – er predigt einer kleinen Schar der Armseligen. In der Mitte aber schwebt ein großer blauer Fisch, das Christussymbol. In seinem Bauch sieht man einen Mann, Jonas wohl, und aus diesem Bauch ergießt sich die Sintflut, erfüllt die Prophetie des baldigen Weltuntergangs. Und wendet man den Blick nach links oben, so sieht man gewaltig rotierende Wolkengebilde, Taifune mit bösen Augen: das Ende der Geschichte. Und gleich darunter den Anfang, Adam und Eva beim Sündenfall. Und daneben beide noch einmal: Jetzt sät Adam die Saat des Menschengeschlechts, bestehend aus Knochen und Schädeln, und Eva hoch zu Ross schleppt eine Egge hinter sich her. Und wieder oben sehen wir den Krieg der Hunde, Katzen und Mäuse, daneben den toten Maler Tübke, dem ein Engel die Seele aus dem Mund zieht. Darunter aber steht er ganz lebendig mit Palette und Pinsel und blickt nachdenklich zu einem Himmel empor, den es nicht gibt.

Wer dieses Bild studiert, erschlagen von seiner Gewalt, begeistert von seiner Vielfalt, wird nicht zögern, Werner Tübke (1929 bis 2004) einen der größten Maler des 20. Jahrhunderts zu nennen. Diese geistesgeschichtliche Kenntnis, diese handwerkliche Perfektion, gemischt aus Nachahmungslust und Gestaltungsmacht, das ist einzigartig. Wer nach Frankenhausen reist, in dieses am Fuße des Kyffhäusers gelegene hübsche Städtchen, sollte sich Zeit nehmen und ein Opernglas dabei haben, denn die Entfernungen in diesem surrealen Circulus sind gewaltig. Weit oben, wo Himmelserscheinungen ihre Magie entfalten, ist mehr zu entdecken, als unsereins sich träumen mag.

Fügen wir hinzu, dass der Eingangssatz nicht ganz zutrifft, denn unterhalb der Rotunde gibt es wechselnde Ausstellungen und im Foyer eine Galerie zur Entstehung des Panoramas.

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