Ein Publikum, das die Fäuste ballt, mitgerissen von kompromissloser Kritik: Davon träumen Kabarettisten – die meisten vergeblich. Nur dem Sänger Thomas Pigor und seinem Pianisten Benedikt Eichhorn gelingt es derzeit, in jeder Vorstellung vorrevolutionären Aufruhr zu schüren, ob in der Kölner Comedia oder beim Heimspiel in der Berliner Bar Jeder Vernunft. Dabei zielt ihr folgenreichster Hit nicht mal billig auf Untertanenreflexe, sein Adressat ist der User von Hightech-Endgeräten. Dessen Wut über "verfluchte Upgrades", das "bekloppte Aufploppen von Pop-up-Fenstern" und "nie, nie!" kompatible Adapterkabel schüren die Erfinder des "Salon Hip-Hop" mit einer derart rasanten Rap-Tirade, dass er gar nicht mehr anders kann, als aufzuspringen: "Nieder mit IT!" Und sich als Statist einer grandiosen Agitprop-Persiflage herzugeben.

Sie ist nur eine von unzähligen Variationen fieser oder einfühlsamer, tiefgängiger oder federleichter, politischer oder dadaistischer, immer überraschender Chansons, in denen das Bühnenduo seine Fans genüsslich als Mitläufer ihres an Demütigungen reichen Alltags vorführt.

Das Resthaar in cäsarischen Strähnen nach vorn gegelt, die Stirn hochmütig in Falten, gibt Pigor dazu passend im kostbar bestickten Feldherrnrock den "Napoleon quatre". Wer anderes als so ein kleinwüchsiger Imperator sollte die Komplexe Ihrer Majestät, der Mitte, zugleich verkörpern wie souverän verspotten? Mitte wie: Mittelmäßigkeit, Mitteleuropäer, Mittelschicht. Die gluckst unten im Parkett, beglückt vor Wiedererkennungsschmerz.

Zum Beispiel wenn Pigor mit schnarrender Stimme über unser aller anerkennungssüchtiges "Zeitverplempern mit Sozialkontakten" lästert: "Jeder Kaffee ist ein Kaffee zu viel." Wenn er die Nöligkeit des weißen Mannes parodiert, der Martinis schlürfend sein Recht auf den Blues fordert, obwohl sein Unterdrückungshorizont über das Quengeln von Mama, Frau und Ex auf dem Anrufbeantworter doch kaum hinausreicht. Gern zieht Pigor auch über die hohle Weltgewandtheit der nachfolgenden Generation her, Gott steh uns bei, wenn die erst mal antritt: "Ich wart auf den Moment / Wenn der erste Kevin im Parlament / Einen Haushaltsentwurf ›voll krass‹ nennt…"

Dabei rollen die r gepflegt bedrohlich durch gefletschte Zähne, springen die Verse über wilde Synkopen, jeder Reim ein diabolisch vergnügliches Präzisionsgeschoss. "Und Eichhorn muss begleiten": Der Partner am Flügel, den Pigor als Running Gag von Programm zu Programm immer subtileren Qualen aussetzt, ist als Komponist der Swing-, Rock- und Hip-Hop-Songs natürlich alles andere als ein Stoffel. Er darf auch mal selbst eine Grönemeyer-Persiflage zum Besten geben. Beim aktuellsten der durchnummerierten Programme (Volumen 6) mischt diesmal achselzuckend auch Ulf Henrich am elektronischen Sampler mit.

Kleinkunst muss nicht wie Küssen ohne Zunge sein

Virtuos haben P & E auf diese Weise das angestaubte Chansongenre frisch gemacht und bewiesen, dass Kleinkunst doch nicht zweite Wahl sein muss "wie Küssen ohne Zunge" (Pigor). Sie haben die einschlägigen Kabarettauszeichnungen bekommen, gerade den ersten Deutschen Chansonpreis, man hat sie mit Georg Kreisler, Friedrich Holländer und Eminem verglichen. Warum bleiben sie dann trotzdem bisher nur für eine treue, aber überschaubare Szene Kult?