ZEITmagazin: Herr Wiesheu, Sie wuchsen auf einem Bauernhof auf und hatten als Kind ein hartes Leben.

Otto Wiesheu: Damals haben wir das nicht so empfunden. Wir waren sieben Kinder. Jedes musste früh raus und mithelfen. Das war selbstverständlich. Insofern war meine Kindheit nicht hart, sondern lehrreich. Wir lernten, dass man sich anstrengen muss, dass man etwas leisten muss.

ZEITmagazin: Für einen Bauernsohn war eine höhere Schulbildung damals nicht selbstverständlich. Wie kam es dazu, dass Sie studieren konnten?

Wiesheu: Eigentlich wollte mich ein kinderloser Verwandter adoptieren, damit ich seinen kleinen Hof übernehmen könnte. Aber ich wollte aufs Gymnasium gehen und Pfarrer werden. Zum Glück hat der örtliche Geistliche sich bei meinen Eltern dafür eingesetzt, dass ich die Aufnahmeprüfung am Dom-Gymnasium in Freising machen durfte. Und als ich die bestanden hatte, sagte er: Jetzt lasst ihn mal die Probezeit machen. Wir hatten auch weiterhin guten Kontakt, und er hat meinen Werdegang mit großem Wohlwollen begleitet. Nach sechs Jahren Knabenseminar wollte ich dann zwar nicht mehr Pfarrer werden, aber ich durfte trotzdem auf dem Gymnasium bleiben.

ZEITmagazin: Der Dorfpfarrer hat Sie sozusagen gerettet?

Wiesheu: Ja, er hat die Weichen für mich gestellt. Ohne ihn wäre ich heute wahrscheinlich Nebenerwerbslandwirt.

ZEITmagazin: Bekamen Sie Unterstützung von zu Hause?

Wiesheu: In Griechisch oder Latein konnte mir niemand helfen. Ich musste mich selbst durchbeißen. Das war eine gute Lebensschule. Nachhilfe hat es nicht gegeben, im Gegenteil, ich habe anderen Nachhilfe erteilt. Später habe ich mein Jurastudium selbst finanziert. Ich arbeitete in einer Brauereimaschinenfabrik, im Schlachthof, als Taxi- und Mähdrescherfahrer.

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ZEITmagazin: Das hat Sie tüchtig und hart gemacht?

Wiesheu: Es hat einem beigebracht, dass man sich in die Dinge hineinknien muss und selbst für sich verantwortlich ist. Am Ende des sechsten Semesters habe ich geschaut, wie viel Geld ich habe. Es reichte für zwei Semester. Also beschloss ich, nach dem achten Semester das Examen abzulegen. Dafür musste ich jeden Tag 50 Seiten juristische Literatur durcharbeiten. Ich lernte von sieben Uhr morgens bis zwölf, von eins bis sechs und noch mal von sieben Uhr abends bis Mitternacht. Samstage und Sonntage waren ein zeitlicher Puffer. Dieses Programm habe ich für mich festgelegt und dann tatsächlich ein Jahr lang durchgezogen. 

ZEITmagazin: Mit eiserner Disziplin?

Wiesheu: Das musste so sein, jeden Tag.