Bei Barnes & Noble am New Yorker Union Square, im größten Buchladen der Stadt, sitzen und stehen Hunderte von Menschen dicht an dicht. Vor der Bühne sind alle Stühle besetzt, dahinter drängen sich Neugierige zwischen die Bücherregale, manche stellen sich gar auf Büchertische. Dabei dauert es noch eine Stunde, bis der Superstar kommt: Jon Stewart, der Kopf der Daily Show beim Fernsehsender Comedy Central. Er wird sein neues Buch Earth vorstellen, das inzwischen auf Platz eins der Bestsellerliste steht.

Stewart ist ein Komödiant, aber Umfragen besagen, dass viele Amerikaner ihn in Politikthemen für vertrauenswürdiger halten als gestandene Nachrichtenmoderatoren wie Christiane Amanpour von ABC oder Wolf Blitzer von CNN.

Das sagt viel über die werbefinanzierten Nachrichtensender, die jahrzehntelang den Takt im politischen Amerika mitbestimmt haben. CNN war seit dem Irakkrieg der Inbegriff des schnellen, harten, aktuellen Fernsehjournalismus. NBC, ABC und CBS sind derweil die drei "alten Tanten", mit denen Generationen von Amerikanern aufgewachsen sind. Doch heute? Sinken die Einschaltquoten der Traditionellen mehr und mehr. Etablieren sich neue, kommerzielle Fernsehsendungen, die politische Fragen verhandeln. Stewart ist einer ihrer Protagonisten – und wohl ihr einflussreichster.

Als Stewart im Buchladen erscheint, donnert Applaus los. Ein paar Zuschauer heben ihre Fotohandys, andere twittern. Die Moderatorin führt den Mann lauthals mit den Worten ein: " Here is the best fucking news team in the world " ("Hier kommt die beste Nachrichtentruppe der Welt"). Stewart, Jeans, graue Weste, Basecap, blickt leicht grinsend ins Publikum. Aber nach ein paar albernen Einlagen diskutiert er eine Stunde lang ernsthaft. Hat er Angst, dass seinetwegen die Politik nicht mehr ernst genommen wird? Macht er sich Sorgen, wohin das Land treibt? Er schüttelt den Kopf. "Ich sehe keinen Grund zur Beunruhigung", sagt er. "Das Land hat genug Selbstheilungskräfte." Und: "Selbst wenn ich jeden Tag durch den Schmutz der 24-Stunden-Nachrichtensender waten muss, geht es mir gut."

Stewart gibt nicht mehr nur den Fernsehclown, er mischt sich selber in die Politik ein. Nun hat er zu einer Demonstration in Washington aufgerufen, um gegen den alltäglichen Wahnsinn der amerikanischen Politik zu protestieren, am 30. Oktober, drei Tage vor den Kongress- und Senatswahlen. Zeitgleich veranstaltet Stephen Colbert, ebenfalls ein Star auf dem TV-Kanal Comedy Central, die satirische " Rally to Keep Fear Alive ", eine Demo pro Terrorangst.

Das bemerkenswerte daran ist, dass Stewart und Colbert dem Sender CNN tatsächlich den Rang abgelaufen haben. Eine Million Zuschauer hat die Daily Show, die um elf Uhr abends läuft, während der Nachrichtensender – nicht zu verwechseln mit dem Schwesterkanal CNN International – zur besten Sendezeit am frühen Abend nur noch eine halbe Million Zuschauer hat, 46 Prozent weniger als im Vorjahr. CNN-Sprecher Nigel Pritchard verteidigt sich mit der einzigen Währung, die ihm bleibt: 90 Millionen Amerikaner würden den Sender im Lauf eines Monats einschalten. Kein anderer Nachrichtenkanal ziehe so viele Menschen an. Der Sender präsentiert sich als ausgewogen, in der politischen Mitte. Offenbar suchen das viele Zuschauer immer wieder mal, aber im täglichen Geschäft ist es kein Erfolgsrezept mehr, und so lässt sich der Wandel im Nachrichtengeschäft an keinem Sender so gut ablesen wie an CNN.

Bis vor ein paar Wochen konnte Jonathan Klein von seinem Büro aus auf den New Yorker Central Park blicken. Klein ist ein alter Fernsehmann, der gerne Steak isst und oft flucht. Sechs Jahre war er Chefredakteur von CNN und hat vergebens gegen sinkende Quoten gekämpft. Er hat konservative Schreihälse wie Carlson Tucker gefeuert, internationale Experten wie Fareed Zakaria befördert, Stars wie Anderson Cooper aufgebaut und das Studio digital aufgerüstet – alles vergebens. Mehr und mehr Zuschauer schalteten weg.