Es ist ein Aufruf, der dringlicher kaum sein könnte. "Es ist an uns, gegen den größten Anschlag auf Amerikas Freiheit und Wohlstand zu unseren Lebzeiten zu kämpfen", schreibt Charles Koch in drängendem Ton. "Wir müssen uns dem Erringen großer Fortschritte in Richtung ökonomischer Freiheit widmen." Und er ruft zu radikalen Maßnahmen auf, sich auf kleine Änderungen zu beschränken werde lediglich den Niedergang verlangsamen. Der Autor ist einer der reichsten Männer der Welt und der Chef eines globalen Konzerns. Mit diesem Brandbrief, der der ZEIT vorliegt, haben er und sein Bruder David einflussreiche Bundesgenossen zu einem vertraulichen Treffen in ein Luxusresort in Palm Springs, Kalifornien, eingeladen.

Gemeinsam wollen sie die politische Zukunft der USA in die von ihnen gewünschten Bahnen lenken, und das heißt vor allem: Präsident Obama und seine Parteifreunde entmachten .

Bei den Kongresswahlen am kommenden Dienstag könnten sie große Fortschritte machen: Umfragen sagen voraus, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus, möglicherweise auch im Senat verlieren könnten. Präsident Obama droht die zweite Hälfte seiner Amtszeit als lame duck, als lahme Ente, zu verbringen – oder mindestens den Republikanern heftige Zugeständnisse machen zu müssen. Seine politischen Gegner seien angetrieben von "Unternehmerinteressen, die für ihre Kampagnen gezahlt haben" , klagte jüngst der bedrängte Präsident.

Es ist ein Wahlkampf, der durch Spenden von Konzernen dominiert wird wie seit dem berüchtigten Watergate-Skandal unter Präsident Richard Nixon nicht mehr. Damals flogen die Boten buchstäblich mit Koffern voller Geldbündel nach Washington. Was die Koch-Brüder besonders macht: Sie geben nicht nur Geld. Sie liefern ideologischen Rückenwind. David Koch gründete eine der Organisationen, die maßgeblich halfen, die Tea Party zu stärken – jene Bürgerbewegung, die seit vergangenem Jahr viel Zulauf erhält und Obamas Gesundheitsreform wie seine Energiepolitik heftig bekämpft.

Ihre Strategie für die Kongresswahlen kommende Woche haben Charles und David von langer Hand geplant und bei einem früheren Treffen im Edelurlaubsort Aspen im Juni mit gut 150 handverlesenen Mitstreitern abgestimmt. Mit von der Partie waren der Vizepräsident der US Chamber of Commerce, der mächtigsten Wirtschaftslobby im Land, außerdem führende US-Bauunternehmer wie der Chef von Fluor und der Eigner von Bechtel, dazu Hedgefonds- und Private-Equity-Prominenz sowie Öl- und Kohlebarone. Die Sache sollte geheim gehalten werden: "Um effektiver Strategien entwickeln zu können, unterliegen die Vorgänge bei diesem Treffen der Geheimhaltung", hieß es in dem Begleitheft der Veranstaltung.

Das passt zu den Kochs. So politisch engagiert sie sind, so sehr meiden sie die Öffentlichkeit. Sie können es sich leisten, ihre Namen tauchen regelmäßig auf der Liste der 400 amerikanischen Superreichen des US-Wirtschaftsmagazins Forbes auf. Charles und David teilen sich Platz 5 mit jeweils 21,5 Milliarden Dollar. Ihr Vermögen verdanken sie ihrem Unternehmen: Koch Industries mit Sitz in Wichita, Kansas. "Das größte Unternehmen, von dem Sie nie etwas gehört haben", wie David Koch einmal prahlte. Es ist neben dem Agrargiganten Cargill der größte private Konzern der USA. An Aktionären, die Mitspracherechte und Einblick in die Bilanzen und Aktivitäten haben, ist den Kochs nicht gelegen. "Nur über seine Leiche" werde Koch Industries an die Börse gehen, hat Charles einem Forbes- Reporter einmal gesagt.

Koch Industries erwirtschaftet rund 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz, fast so viel wie Microsoft, Alcoa und American Express zusammen. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben in 60 Ländern aktiv und hat 70.000 Mitarbeiter. Zu Kochs Produkten gehört die Kunstfaser Lycra, die etwa Badeanzügen ihre Elastizität verleiht, sowie die Dixie-Kaffeebecher und die Küchenrollen der Marke Brawny, die fast jeder Amerikaner kennt. 2006 hat Koch den bis dahin börsennotierten Papier- und Baustoffriesen Georgia Pacific für 21 Milliarden Dollar übernommen und privatisiert. Die Kochs sind auch große Rancher: Sie züchten Vieh in Kansas, Montana und Texas, auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie die Berlins. Das Kerngeschäft des Mischkonzerns ist jedoch Öl. Die Kochs besitzen Tausende Meilen Pipelines quer durch die USA und Kanada und sind groß im Raffineriegeschäft. Ein Tochterunternehmen verarbeitet allein 800.000 Barrel Rohöl am Tag – das entspricht dem Tagesverbrauch der Türkei.

 

1967 übernahm Charles die Leitung des Unternehmens von seinem Vater. Wie dieser hatte er Ingenieurwissenschaften studiert – und libertäre Denker für sich entdeckt. Er begeisterte sich für die Lehren Friedrich August von Hayeks und Joseph Schumpeters. Die Politik sollte sich der Wirtschaft unterwerfen, lautet sein Credo. "Jedes Gesetz sollte überprüft werden, ob es Wohlstandswachstum fördert – 90 Prozent aller Gesetze würden durchfallen", behauptete der 74-Jährige in einem der seltenen Interviews im Wall Street Journal. Stolz ist Koch auf die von ihm entwickelte Managementlehre, Market Based Management, die er sich patentieren ließ.

Der vier Jahre jüngere David galt lange als Lebemann. Später wandelte er sich und ist heute ein großzügiger Mäzen von Museen, Ballett und Krebsforschung. Hunderte Millionen Dollar hat er in den vergangenen Jahren für diese Anliegen ausgegeben. In wirtschaftlicher wie politischer Hinsicht ist er allerdings auf der harten Linie seines Bruders, und studiert hat er wie dieser an der Elite-Universität MIT in Boston. Heute leitet er das Spezialchemiegeschäft von Koch.

Darüber, was innerhalb des Koch-Imperiums passiert, gibt es kaum Aufschluss. Die Konzernbilanz muss nicht veröffentlicht werden, es gibt keine Hauptversammlungen. Einen der wenigen Einblicke in die Geschäftspraktiken von Koch Industries bietet das Schicksal von Invista in Östringen, einer Kleinstadt bei Karlsruhe. An dem Standort werden seit den frühen 1960er Jahren Nylonfasern hergestellt. Es ist einer der größten Arbeitgeber in der ländlichen Region. 2004 übernahm Koch Industries das Werk, damit gehörte es zur Invista Deutschland GmbH, einer hundertprozentigen Koch-Tochter. Die Invista-Belegschaft, damals etwa 1000 Leute, freute sich zunächst über den neuen Eigentümer. "Wir dachten, als Familienbetrieb haben die einen längeren Atem als ein Unternehmen, das ständig nach dem Börsenkurs schaut", erzählt ein Mitarbeiter. Seltsam berührte sie aber der Verhaltenskodex, den sie nach der Übernahme aus dem Hauptquartier auferlegt bekamen. Darin heißt es: "Streben Sie nach 10.000 Prozent Compliance, d. h. 100 Prozent der Mitarbeiter befolgen die Regeln jederzeit zu 100 Prozent."

Invista Deutschland begann bald Jobs abzubauen – gleich nach der Übernahme 100 Stellen, dann 2007 weitere 75 Arbeitsplätze und Anfang 2009 noch einmal 100, wie sich Pressematerial des Betriebsrats entnehmen lässt. Zugleich erhielten alle Arbeiter und Angestellten jedes Jahr eine persönliche Weihnachtskarte, auf der Charles Koch und seine Familie mal vor einem festlichen Weihnachtsbaum, mal vor flackerndem Kaminfeuer zu sehen waren. Auf Neuinvestitionen in die Anlage verzichtete Invista weitgehend, die Maßnahmen waren im Wesentlichen darauf beschränkt, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Das ergibt sich aus den Jahresabschlüssen, die Invista nach deutschem GmbH-Recht veröffentlichen muss. Im Juni dieses Jahres kündigte Invista schließlich an, das Werk zu schließen. "Wegen der anhaltenden und weiterhin zu erwartenden Verluste" entschloss sich Invista zu diesem Schritt, teilt die amerikanische Muttergesellschaft auf Anfrage mit. Damit verlieren 392 Menschen ihren Arbeitsplatz. "Aus meiner Sicht haben die an Wert rausgezogen, was ging, und dann haben sie das Werk dichtgemacht", sagt Thomas Niebrügge von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie.

Was den Fall Östringen für die Koch-Brüder, die so gegen den Staat wetten, pikant macht: In den Jahren vor der Schließung hat der Betrieb immer wieder Kurzarbeit angemeldet. Insgesamt waren es zwischen Ende 2006 und Juni 2010 rund 28 Monate, wie die entsprechenden Vereinbarungen zwischen der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat dokumentieren. Dafür hat der Betrieb nach eigenen Angaben 1,6 Millionen Euro von der Bundesagentur für Arbeit bekommen. Im Klartext: Geld aus öffentlichen Kassen.

Zu den wenigen öffentlichen Informationen über die Aktivitäten der Koch Industries zählten in den vergangenen zehn Jahren wiederholte Berichte über Zusammenstöße mit der US-Umweltbehörde EPA. Im Jahr 2000 verhängte die Behörde bei einem Vergleich eine Strafe von 30 Millionen Dollar. Außerdem musste Koch weitere fünf Millionen Dollar für Umweltprojekte zahlen – "die bis dahin höchste Strafe für Verstöße gegen den Umweltschutz", hieß es damals in der EPA-Pressemitteilung. Es ging um die Rolle des Unternehmens in mehr als 300 Fällen, bei denen elf Millionen Liter Rohöl und verwandte Produkte in Seen, Flüsse und Küstengewässer gelangten. Im selben Jahr klagte das US-Justizministerium Koch Industries an, weil das Unternehmen den Austritt von 91 metrischen Tonnen Benzol (engl. Benzene), das von Behörden als krebserzeugend eingestuft wird, vertuscht haben sollte. Der Fall wurde später mit einem für Koch günstigen Vergleich beigelegt.

Inzwischen fallen die Brüder eher durch ihren Kampf gegen einen ausufernden Staat und gegen strengere Klimagesetze auf. Im März veröffentlichte Greenpeace einen Bericht, demzufolge Koch Industries "Finanzier Nummer eins der Klimaerwärmungsleugner" sei . Der Konzern habe zwischen 2005 und 2008 rund 25 Millionen Dollar an Organisationen verteilt, die gegen Klimaschutz aktiv sind. Bei den Angaben beruft sich Greenpeace unter anderem auf Rechenschaftsberichte der Organisationen. In einer Stellungnahme zu dem Greenpeace-Bericht wies Koch Industries darauf hin, man habe seit Januar 2009 mehr als 180 Auszeichnungen für Umweltschutzmaßnahmen erhalten. Unzutreffend sei auch, dass all jene Mittel, die Koch einer breiten Palette von Organisationen gegeben habe, auf das Thema Klimaschutz gerichtet gewesen seien. Die beschenkten Organisationen arbeiteten an vielfältigen Themen und hätten die Mittel auch für andere Projekte eingesetzt.

 

Die Brüder haben über die Jahre in der Tat ein Netz libertärer und konservativer Institutionen aufgebaut. Dazu gehört etwa das Cato Institute, die prominenteste wirtschaftsliberale Denkfabrik, die Charles Koch mitgründete. Die Unterstützung der Familie genießt auch die erzkonservative Heritage Foundation. In den 1980er Jahren stifteten die Kochs Millionen als Starthilfe für das Mercatus Center, das nach eigenen Angaben die Brücke zwischen akademischen Ideen der freien Marktwirtschaft und realer Anwendung schlagen soll. Obwohl kaum bekannt, gilt die Einrichtung als äußerst einflussreich: 14 der 23 zentralen Gesetze zur Deregulierung in der Amtszeit von Präsident George W. Bush fanden sich zuvor in Vorschlägen von Mercatus-Experten, wie das Wall Street Journal feststellte. So weitreichend sind die Beziehungen der Brüder, dass man in Washington hinter vorgehaltener Hand vom "Kochtopus" spricht. Als der New Yorker im Sommer ausführlich darüber berichtete, reagierten die Kochs empfindlich. "Ich und mein Bruder werden nonstop von den voreingenommenen liberalen Medien attackiert", klagte David Koch.

Über die Unternehmenszentrale lassen die Brüder zudem mitteilen: "Einige Kritiker, die die marktwirtschaftliche Perspektive nicht teilen, versuchen, das seit 40 Jahren bestehende wohlbekannte, rechtmäßige, standhafte und prinzipientreue Bekenntnis der Kochs zum freien Markt und zur ökonomischen Freiheit zu diskreditieren."

Die durchschlagendste Initiative der Kochs wird sich von kritischen Berichten aber kaum aufhalten lassen. David war einer der Gründer und Geldgeber einer Stiftung namens Americans for Prosperity Foundation, bei deren Schwester-Organisation Americans for Prosperity (AFP) die Anführer der Tea Party tatkräftige Hilfe beim Aufbau ihrer Bewegung erhielten. Die Kochs haben verneint, die Tea Party direkt zu finanzieren. Doch bei einer Veranstaltung von AFP im vergangenen Jahr erklärte David: "Vor fünf Jahren gaben mein Bruder Charles und ich Startkapital für Americans for Prosperity, und es hat meine wildesten Träume übertroffen, wie AFP zu dieser enormen Organisation herangewachsen ist – Hunderttausende Amerikaner aus allen Schichten, die aufstehen und für die ökonomische Freiheit kämpfen, die unsere Gesellschaft zu einer der reichsten der Geschichte gemacht hat." Seine Rede wurde von einem Dokumentarfilmer eingefangen, der sich eingeschlichen hatte .

Mit der Tea Party hat die Ideologie der Kochs die Kammern der Denkfabriken verlassen.