Es hat schon heftigere Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. In den siebziger Jahren versuchte die RAF den Systemkonflikt mit der Waffe in der Hand auszutragen. In den Achtzigern setzten die neuen sozialen Bewegungen die Politik unter Dauerprotest. Die Stationierung von Atomraketen, der Bau von Kernkraftwerken und Startbahnen führten zu einer langjährigen erbitterten Konfrontation. Nicht selten ähnelten damals die Orte, an denen der außerparlamentarische Protest die repräsentative Demokratie infrage stellte, bürgerkriegsähnlichen Kampfstätten. Der Wasserwerfereinsatz, mit dem kürzlich in Stuttgart der Bau eines unterirdischen Bahnhofes vorangetrieben wurde, wirkte einen Moment lang wie eine milde Reminiszenz an die Auseinandersetzungen der alten Bundesrepublik. Was Brutalität und prinzipielle Unversöhnlichkeit angeht, ist das Land von einer Wiederauflage solcher Zustände weit entfernt. Und doch könnte die aktuelle Krise die Republik tief greifend verändern.

Zu den überraschendsten Befunden der aktuellen Empörungswelle gehört, dass sie sich nicht mehr aus dem linksalternativen Milieu, sondern aus den arrivierteren Schichten speist. Wer sich heute gegen Stuttgart 21 engagiert, wer in der Sarrazin-Debatte Partei für den Autor und gegen seine Kritiker ergreift, wer in Hamburg eine Schulreform kippt oder sich mit Enthusiasmus für einen Bundespräsidenten einsetzt, der nicht aus dem politischen Betrieb stammt, gehört meist zum bürgerlichen Spektrum der Republik. Auf den unterschiedlichen Schauplätzen dieses Jahres tritt die neue, protestbereite Mitte der etablierten Politik gegenüber.

"Die Überraschung der Politik über das Ausmaß der Protestbereitschaft" ist für Karl-Theodor zu Guttenberg selbst bereits ein Indiz dafür, wie sehr sich Politik und Gesellschaft auseinandergelebt haben. Aber die Entfremdung der Sphären ist nicht so weit, dass die politischen Akteure in Berlin sich nicht bemühen würden, den Ursachen und den Konsequenzen des Protestes auf die Spur zu kommen.

Vor allem die Schockwellen der Auseinandersetzung um Stuttgart 21 haben die Hauptstadt erschüttert. In der Union ist man von der sozialen Bandbreite des Widerstandes aufgeschreckt. Doch die Reichweite des Protestes beschäftigt die Spitzenleute aus beiden Volksparteien. An einem überschaubaren Konflikt aus der Provinz entwickelt sich plötzlich eine Debatte über die Verbindlichkeit demokratischer Entscheidungen. Stellt sich in Stuttgart also doch noch einmal die Systemfrage?