Seit ich neun Jahre alt bin, interessiere ich mich für das, was den Juden im "Dritten Reich" widerfahren ist. Eigentlich kam dieses Interesse von dem, was mir am liebsten ist, der Musik. Ich spiele Geige und habe, um meinen Lieblingsgeiger Itzhak Perlman zu hören, im Internet nach Videos von ihm gesucht. Ich habe dann auch einen Konzertmitschnitt gefunden, wo Perlman die Titelmelodie des Films Schindlers Liste spielt. Ich weiß noch genau, wie ich mich wunderte, dass alle im Publikum weinten und ich meinen Vater fragte, warum. Er erzählte mir viel, und ich begann, Bücher über die Nazizeit zu lesen.

Schließlich lernte ich über eine Freundin meiner Mutter einen Überlebenden von Schindlers Liste kennen: Michael Emge. Herr Emge, der wie ich der Musik sehr verbunden ist, hatte früher seine Geige im Krieg verloren, wurde aber nach dem Krieg Berufsmusiker.

Ich wollte wissen, ob er nach dem KZ je wieder glücklich war
Judith Stapf

Herr Emge fasste langsam Vertrauen zu mir. Ich glaube, das fiel ihm schwer, weil er so verletzt wurde als Kind. Schließlich aber erzählte er mir seine Geschichte. Mich hat interessiert, ob er je wieder glücklich sein konnte nach alldem, was er erlebt hatte, ob er echte Freunde hatte in dieser schweren Zeit. Er hat sich sehr für mein Geigenspiel interessiert, meine Konzerte angehört, und ich habe auch an seinem Geburtstag für ihn Geige gespielt. Ich habe ihn im Krankenhaus besucht und ihm mein Zuhause gezeigt.

Irgendwann kam die Idee auf, zusammen nach Polen zu fahren, zu den Orten, wo Herr Emge so gelitten hat. Das war sehr aufwendig, Herr Emge ist ein schwer kranker alter Mann, und wir waren uns nicht so sicher, ob er die Reise in seine "Vergangenheit", wo er zwischen 1939 und 1945 die Untaten der Nazis überlebte, gut verkraften würde. Im vergangenen April flogen wir dann aber doch nach Polen, meine Mutter, Herr Emge und ich. Ein Dokumentarfilmer begleitete uns.

Als die Deutschen 1939 Polen überfielen, war Herr Emge ein elfjähriger Junge, der mit seinem jüdischen Vater und seiner christlichen Mutter in Krakau lebte. Bereits mit sechs Jahren bekam er von seinem Onkel seine erste Geige geschenkt, und schon bald stellte sich heraus, dass er ein hochbegabtes junges Talent war. Herr Emge beschreibt seine frühe Kindheit als glücklich und sorgenfrei. Mit der Eroberung Polens verschlechterte sich die Lage der Juden dort erheblich. Herr Emge zeigte uns das schöne jüdische Viertel, das dann zum offenen Ghetto wurde. Abends suchten wir eine alte jüdische Kneipe, um dort Klezmer zu hören, die Musik, mit der Herr Emge aufgewachsen ist.

Als sich die Lage im Krakauer Ghetto zuspitzte, wurde seine Familie von einem SS-Mann gewarnt und in das offene Ghetto in Bochnia umgesiedelt. Als wir in das kleine Städtchen fuhren, fanden wir einen kleinen Gedenkstein, und Herr Emge war tief erschüttert, dass heute Menschen dort ihre Häuser bauen, wo früher Berge von Menschen verbrannt wurden. Als auch dieses Ghetto geschlossen wurde, wurde er nach Plaszow deportiert. In einem Außenbezirk von Krakau erwartete uns ein großes, verwildertes Freigelände, die Stelle, wo früher Zehntausende Juden, Zigeuner, Priester und andere in einem Arbeitslager zusammengepfercht waren. In diesem Lager kommandierte Amon Göth, der für seine Brutalität berüchtigt war. Seine beiden Hunde waren darauf abgerichtet, auf Befehl zu töten. Wir fanden Göths Villa unverändert in einem kleinen, angrenzenden Wohngebiet. Wir alle waren fassungslos, wie wenig Gedenken es an diesem schlimmen Ort gab. Auf der Terrasse von Göths Haus erzählte Herr Emge, wie er als Junge mit Todesangst in dessen Hundezwinger gesperrt wurde. Wie durch ein Wunder griffen die Hunde ihn nicht an, so bekam er als Hundepfleger eine Arbeit, die ihm das Überleben im KZ sicherte.

Herrn Emges Mutter arbeitete in Schindlers Emaillefabrik. Der Fabrik aus dem Film Schindlers Liste, von dessen Soundtrack ich vor drei Jahren so fasziniert war.

Wir drehten in der restaurierten Fabrik, wo Herr Emge die berührende Geschichte erzählte, wie seine Mutter starb. Mitek Pemper, der jüdische Schreiber von Amon Göth, nutzte seine Stellung, um mit Schindler einen Rettungsplan für die Juden seiner Fabrik zu ersinnen. Die Fabrik wurde nach Brünnlitz in Tschechien verlegt. Die männlichen Arbeiter sollten über das KZ Groß-Rosen, die weiblichen über Auschwitz dorthin verlegt werden. Glücklicherweise gab es jemanden, der den jungen Herrn Emge schützen wollte und ihn als einziges Kind auf Schindlers Liste setzte. Er wurde mit dem Männertransport nach Groß-Rosen verlegt und hoffte, seine Mutter in Tschechien wiederzutreffen. Sie kam nie an. Später erfuhr er, dass sich beim Appell eine andere Frau für seine Mutter ausgegeben hatte. Herrn Emges Mutter wurde ermordet.

Herr Emge ist schließlich mit 17 Jahren in Tschechien befreit worden. Er wog nur noch 27 Kilo, hatte seine Kindheit verloren und seine ganze Familie. Die Geschichten, die mir Herr Emge erzählt hat, und die Bilder, die ich gesehen habe, haben mich schwer beschäftigt, und ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Grausamkeit eine prägende Phase in meinem Leben ist. Unsere Reise endete in Breslau, wo Herr Emge nach dem Krieg Geiger in einem Orchester wurde. Er sagt, dass die Liebe zur Musik ihn in dieser Zeit getröstet und gerettet hat.