Ein Catcher ist kein Boxer. Sein Erfolg beruht nicht auf Zahl und Wirkung der Treffer, sondern darauf, dass er sein Publikum mit archetypischen Gesten fesselt. Es gibt Politiker vom Boxer- und vom Catchertyp; Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat sich nach oben geboxt, und nun ist er ein Catcher.

In den vergangenen drei Wochen bot er seinem Publikum genau das Schauspiel, das es sehen wollte. Obgleich Millionen gegen ihn demonstrierten , ließ sich der Präsident nicht davon abbringen, ein Symbol des französischen Sozialstaats zu demontieren, das allgemeine Renteneintrittsalter von 60 Jahren . Die Schwelle wird schrittweise bis 2018 um insgesamt zwei Jahre erhöht. Überhaupt ist die Reform eher maßvoll, spätestens in zwei Jahren muss nachgebessert werden. Gleichwohl, die Proteste waren massiv und werden sich bis zum Inkrafttreten des Gesetzes Mitte November fortsetzen – eine willkommene Gelegenheit für Sarkozy, sich als härtesten Mann im Ring darzustellen. Das nämlich verlangt sein Kalkül für die Präsidentschaftswahl 2012.

Zurzeit wird Nicolas Sarkozy nur noch von einem Drittel der Franzosen unterstützt . Das ist der wahlpolitische Sockel, den er nicht etwa gegen die Linke, sondern gegen den rechtsradikalen Front National verteidigen muss. Hier liegt das wahre Motiv seiner Abschiebepolitik gegen die Roma , der plakativen Polizeiaktionen in den unruhigen Vorstädten und auch der Bereitschaft zur Konfrontation mit den Gewerkschaften .

Die damit einhergehenden Verluste in der Mitte nimmt Sarkozy in Kauf; sie ist sehr klein in Frankreich, das in rechts und links gespalten ist. Weil aber die Linke zerstrittener ist als die Rechte, kann Sarkozy 2012 gewinnen, wenn er die Rechte geschlossen in den ersten Wahlgang führt, als Stärkster aus ihm hervorgeht und im zweiten Wahlgang Nichtwähler und Unentschiedene mitreißt. Alles taktisch gut ausgedacht. Sarkozys Problem ist aber nicht die Wahltaktik – sondern die Reformstrategie.

Seine Wahl 2007 war ein Mandat für liberale Reformen der Verwaltung und des Arbeitsmarkts. Die Ausgangslage war günstig: Im Erfolgsfall hätte ein Wachstumsschub letztlich allen Franzosen genutzt. Im schlimmsten Fall wäre die Last überwiegend auf die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und die Empfänger von Sozialleistungen gefallen, also auf die Wähler der Linken. Die eher rechts wählenden Lohnarbeiter und Selbstständigen hätten mit Steuersenkungen bedacht werden können.

Die Finanzkrise machte einen Strich durch seine Rechnung. Wirtschaftsliberalismus war auf einmal out. Seither wurstelt sich die Regierung mit Klientelpolitik en détail und interventionistischem Verbalradikalismus en gros durch. Reformiert wird nur noch das Allernötigste, um den Status Frankreichs in den Listen der Rating-Agenturen zu sichern.

Diesem Zweck sollte auch die Rentenreform dienen. Doch sie wurde zum Blitzableiter greller Wut. Dabei ist Sarkozys Regierung nicht signifikant unsozialer, autoritärer oder skandalbeladener als ihre Vorgängerinnen. Woher also rührt der Volkszorn?