Auch ein junger Kaufmann aus Venedig, Alvise Cadamosto, geht für Heinrich auf Fahrt. Noch 1455 notiert er vor Gambia, dass der Polarstern "etwa ein Drittel einer Lanze" hoch stehe – kurz darauf wird das Astrolab, das die geografische Breite genauer bestimmt, von des Prinzen Nautikern übernommen. 1456 segelt Cadamosto zur Küste Guineas, erreicht zwei der Kapverdischen Inseln. In seinen Berichten (er ist der Einzige von Heinrichs Seefahrern, der eine ausführliche Reisebeschreibung hinterlässt) schildert er als Erster ein neues Sternbild: das Kreuz des Südens.

König Eduard I. stirbt früh, ein Opfer der Pest. Nach etlichen inneren Wirren übernimmt 1449 sein Sohn Alfons V. die Herrschaft. Wie Großvater Johann und Onkel Heinrich will der 25-Jährige Kreuzritterruhm erlangen. Doch er bleibt allein. Die christlichen Herrscherhäuser Europas sind nicht geneigt, dem gottgefälligen Aufruf von Papst Calixtus III. zum Kampf gegen die auf den Balkan vordringenden Türken zu folgen. Der junge Alfons möchte natürlich nicht auf dem Balkan, er möchte im westlichen Mittelmeer kämpfen. Er sammelt ein Heer, gut neunzig Schiffe, und unter Heinrichs Führung erobert man im Oktober 1458 das Hafenstädtchen Alcáser-Ceguer zwischen Tanger und Ceuta.

Verteidigern und Einwohnern wird freier Abzug gewährt. In feierlicher Prozession ziehen die Portugiesen in die Stadt ein und danken ihrem Gott in der hastig zur Kirche umgeweihten Moschee für den großen Sieg. Die Gebeine des 1448 in der Geiselhaft von Fez gestorbenen Prinzen Ferdinand werden ausgeliefert, Reliquiennachschub für Portugal.

Es ist Heinrichs letzter Krieg, sein letzter Sieg. Am 13. November 1460 stirbt er 66-jährig in Vila do Infante, seiner Residenz auf der Halbinsel Sagres. Noch kurz zuvor verfasste Notate lassen einen frischen Geist erkennen, bis zum Ende. In der Stadtkirche von Lagos findet der Prinz sein erstes Grab, nach Jahresfrist wird der Leichnam mit einer pompösen Zeremonie in die königliche Stifterkapelle von Batalha, hundert Kilometer nördlich von Lissabon, umgebettet.

Er starb als einer der reichsten Magnaten Portugals – und dennoch nach wie vor hoch verschuldet. So listet das Testament nicht nur in einer schier endlosen Reihe auf, wo, wann und wie oft Messen für sein Seelenheil zu lesen sind, sondern es versucht, auch alle Gläubiger zu befriedigen und Heinrichs viele Höflinge zu versorgen. Nicht einmal seine neun Sklaven sollen, wie beim Tod des Eigners üblich, freigelassen werden. Heinrich verfügt, dass man sie verkauft, um Verpflichtungen nachzukommen.

Doch sein eigentliches Erbe war ein anderes: Bis zum Tod Heinrichs hatten seine Männer die afrikanische Küste bis zum heutigen Sierra Leone (8° N) und den Atlantik bis an die Sargassosee (40° W) befahren. Sie hatten es gelernt, die geografische Breite ihrer jeweiligen Position mit genügender Genauigkeit zu bestimmen. Jetzt brauchten sie nicht mehr mühsam an der Küste aufzukreuzen gegen Wind und Strom, jetzt konnten sie volte pelo largo, in weitem Bogen, über die See fahren und vor den dortigen Westwinden nach Portugal heimkehren. Ihre Bordbücher kamen nach Lissabon, in die Casa da India, die Erkundung der Welt ist nun Sache der Krone; das Erdbeben von 1755 allerdings wird diese Urschriften europäischer Expansionslust vernichten.

Schon zu seinen Lebzeiten wurde Heinrich von Chronisten wie Eanes de Zurara, die ihrer hagiografischen Pflicht nachkamen, für den Mut gepriesen, mit dem er übers Meer "gesegelt" sei. Spätere Autoren ließen ihn eine Navigationsschule in Sagres betreiben, sogar eigenhändig Karavellen konstruieren. Der Göttinger Gelehrte Johann Eduard Wappäus betitelte 1842 sein Buch über ihn Heinrich der Seefahrer, und anschwellender Nationalstolz nannte ihn bald auch in seinem Heimatland Infante Dom Henrique o Navegador.

Doch Heinrich hatte selbst nie ein Schiff geführt, die Schule von Sagres gab es nicht, sie "fand an Deck der Karavellen statt", wie der Wissenschaftshistoriker Luciano Pereira da Silva in unseren Tagen schrieb, und ein gleichfalls durch den Hingang eines Empires ernüchterter britischer Historiker, Peter Russell, rückt in seiner umfassenden Biografie Prince Henry "the Navigator" (2000) noch einiges mehr zurecht. Unstreitig nur bleibt: Der große portugiesische Prinz hat Bartholomeo Diaz, Christoph Kolumbus, John Cabot, Vasco da Gama, Ferdinand Magellan und all den anderen den Kurs gewiesen – den mal friedlichen, mal entsetzlich blutigen Weg in die globalisierte Welt. Unsere Welt.

Der Autor ist Kulturhistoriker und lebt in Köln