ZEIT: Gibt es nicht doch ein utopisches Moment im Leben eines Kreativwirtschaftlers? Karl Marx hätte gesagt: Heute bin ich Fischer, morgen Jäger…

Bröckling: …morgens bediene ich im Café, mittags sitze ich im Uni-Seminar und abends lege ich in einem Club Platten auf. Klar, das mag es geben. In der Vorstellung, man könne auf diese Weise Arbeit und Leben versöhnen, steckt allerdings viel Romantik, der Traum vom ganzheitlichen Leben.

ZEIT: Das klingt fast so, als sei Ihnen schon das Wort "kreativ" suspekt.

Bröckling: Das Wort ist vergiftet, weil man es auf wirtschaftliche Innovationen heruntergebrochen hat. Für Richard Florida, den Erfinder der creative class, ist kreativ das, was ökonomischen Mehrwert und Wachstum schafft. Um das zu retten, was "Kreativität" einmal im emphatischen Sinne bedeutet hat, müsste man den Begriff für ein paar Jahre in den Giftschrank sperren.

ZEIT: Was ist denn das Anstrengende an dieser Lebensweise? Dass man den äußeren Druck nach innen wendet und dauernd unter Strom steht?

Bröckling: Das auf jeden Fall. Die Einheit aus Arbeit und Leben ist eben ambivalent. Man kann seine Arbeit machen, wann man will – das ist die positive Seite. Man hat nie Feierabend, das ist der Nachteil. Darin steckt eine Entgrenzung. Ebenso zweideutig ist das damit verbundene Autonomieversprechen: Man ist seines Glückes Schmied, aber man ist auch selbst schuld, wenn etwas schiefgeht. Alles Scheitern muss man sich selbst zurechnen, auch materiell .

ZEIT: Werden wir bald alle so leben wie die Kreativwirtschaftler?

Bröckling: Die Berliner Mythen über die "kreative Klasse" wollen uns das einreden. Das ist wie eine Anrufung, wie ein großer Werbespot, in dem wir uns wiedererkennen sollen. Aber nicht so, wie wir sind, sondern so, wie wir werden sollen. Ja, wir sollen alle so werden wie diese Kreativen.

ZEIT: Hängt diese Aufforderung mit dem Ende des Wohlfahrtsstaates zusammen?

Bröckling: Es gibt zumindest einen zeitlichen Zusammenhang. In England setzte das Take-off der Kreativwirtschaft unter Margaret Thatcher ein. Über die langen Jahre der Kohl-Ära war diese Entwicklung in Deutschland wie eingefroren und explodierte erst in der New-Economy-Phase um das Jahr 2000. Damals – unter der Regierung Schröder/Fischer – entdeckte man auch hier die kreative Klasse, bezeichnenderweise zur gleichen Zeit, in der die Hartz-Gesetze verabschiedet wurden.

ZEIT: Ist der Traum vom Selbstunternehmer nach dem Finanzmarktdesaster zerplatzt?

Bröckling: Nein, die Anrufung ist geblieben, geändert hat sich nur die Tonlage. Das Ganze klingt jetzt drohender: "Wenn du dich nicht fit für den Wettbewerb machst, dann bist du draußen." Vom berüchtigten "Fördern und Fordern" unter Rot-Grün ist nur das Fordern übrig geblieben. Es herrscht eine Grammatik der Härte. An der Ratgeberliteratur lässt sich das gut ablesen. Die Titel lauten heute: Erfolgreich scheitern oder Die Kunst, den Gürtel enger zu schnallen.

ZEIT: An die Stelle der Staatssorge tritt die Selbstsorge?

Bröckling: So könnte man es sehen. Aber man kann sich selbst sehr unterschiedlich regieren, liberal oder autoritär. Heute liegt die Betonung eher auf Selbstdisziplin denn auf Selbstverwirklichung.