Das haben auch nicht alle Museen: ein Gemälde, auf dem das eigene Haus zu sehen ist, gemalt von einem, der weltberühmt wurde. Das macht was her, das lässt sich prächtig vermarkten, noch dazu, wenn es sich bei dem ausführenden Künstler um Wassily Kandinsky handelt.

"Es ist ein Glück, so einen Schlupfwinkel zu besitzen", hatte Kandinsky 1910 voller Euphorie an Gabriele Münter geschrieben. Zwei Jahre zuvor war er mit ihr, Alexej Jawlensky und Marianne von Werefkin in das Städtchen Murnau im Vorland der Zugspitze gekommen, und für alle vier war es eine folgenreiche Begegnung. Kandinsky, zu der Zeit noch ganz dem Figurativen verhaftet, stürzte sich mit Feuereifer in die Arbeit. Er malte den Staffelsee, gleich mehrfach, die Murnauer Kirche, Murnau mit blauem Haus, die Landschaft mit Baumstamm und eben das Schloss, das damals noch als Mädchenschule diente und heute Museum ist. Die ganze Unbeschwertheit und Heiterkeit eines Lebensabschnitts finden sich in diesen Bildern.

Das Schloss ist vor allem eine sommerlich gestimmte Hymne an die Farbe Gelb. Im Zentrum die Schlossfassade mit den Fenstern und dem treppengiebeligen Dach, ein Fest der Farbe, eine Epiphanie. Davor der Schlosshof, sonnenbeschienen, in einer Mischung aus Gelb und Weiß; an den Rändern weitere Gebäude, nicht mehr wirklich wichtig, nur noch als Rahmen, als Kontrastprogramm von Bedeutung. Über allem, wie Luftspiegelungen, weiße und gelbe Farbkleckse, Lichtflecken, mit leichter Hand hingetuscht. Schöner kann ein Schloss nicht sein. Das Original hängt heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau, ist aber als Leihgabe zu Sonderausstellungen immer mal wieder in Murnau zu sehen.

Der Schwerpunkt der Murnauer Kunstsammlung liegt indes auf Gabriele Münter, von der rund 80 Gemälde, Grafiken und Zeichnungen gezeigt werden, darunter so bedeutende wie Kandinsky und Erma Bossi am Tisch oder die Vorstudien zu ihrem Horváth-Porträt. Das Gemälde selbst, das ihn rauchend an der Schreibmaschine zeigt, gilt als verschollen; die Murnauer haben aber immerhin ein Foto davon aufgespürt.

Daneben gibt es vieles aus dem Umfeld des Blauen Reiters zu sehen. Jawlensky ist ebenso vertreten wie die Werefkin, Marc und Macke ebenso wie Heinrich Campendonk, den die oberbayerische Gemeinde Penzberg unlängst nach langem Hin und Her doch noch als einen der Ihren entdeckt hat. Und immer wieder Arbeitsentwürfe zum Almanach Blauer Reiter, den Kandinsky und Marc in einem Sindelsdorfer Obstgarten am Kochelsee aus der Taufe hoben.

Es war die Zeit, als Kandinsky im "Russenhaus" in Murnau, das er gemeinsam mit Gabriele Münter erworben hatte, das Treppengeländer mit der gleichen Hingabe bemalte wie einen Bauernschrank. Volkskunst schien ihm in diesen Tagen das einzig Wahre zu sein, die russische ebenso wie die oberbayerische. Fotos zeigen ihn im Trachtenanzug mit Kniebundhose und langen Wollstrümpfen ohne Fußteil, wie er barfuß auf einer Wiese bei Murnau steht, rauchend, ein Buch in der Linken. Der Begründer des "Geistigen in der Malerei", perfekt assimiliert, kaum zu unterscheiden von den alteingesessenen Honoratioren. Da wollte einer unbedingt dazugehören, und sei es durch gelinde Selbstüberwindung.

All diese Geschichten werden lebendig beim Gang durch das Murnauer Museum, das 1993 eröffnen konnte und damals gerade fünf Leihgaben der örtlichen Sparkasse in seiner Sammlung hatte. Schnell gründeten sich jedoch zwei Stiftungen und ein Förderkreis, es gab einen großzügigen Ankaufsetat, "am Anfang jedenfalls", wie Brigitte Salmen, die Museumsleiterin, einschränkend anmerkt. 1995 bekam Murnau den Bayerischen Museumspreis, 65000 Besucher im Jahr fanden zuletzt den Weg ins Schloss. Eine begnadete Landschaft, ein schönes Museum. Man verlässt es heiterer, als man gekommen ist.