So dicht liegen Sieg und Niederlage beieinander: Am Donnerstag vergangener Woche musste Umweltminister Norbert Röttgen im Bundestag die Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke vertreten, seine schwerste Niederlage. Drei Tage später wählte ihn die Basis der nordrhein-westfälischen CDU zu ihrem neuen Hoffnungsträger. Machtpolitisch gesehen, ist das der größte Sprung seiner bisherigen Karriere.

In den Wochen vor seinem Erfolg hatte Röttgen erstmals erfahren, wie es ist, wenn der mediale Wind sich dreht und plötzlich fast alles, was über einen geschrieben wird, eine skeptisch-giftige Tonlage annimmt. Nun, nach seinem Sieg über den früheren Integrationsminister Armin Laschet (55 zu 45 Prozent), dürfte es für eine Weile wieder in die andere Richtung gehen. Aufwärts.

Als Chef des größten Landesverbandes der CDU wird Röttgen erstmals – neben seinem Bundestagsmandat – eine Funktion innehaben, die er nicht der Förderung durch Angela Merkel verdankt. Und wenn er in knapp zwei Wochen, auf dem Bundesparteitag der CDU, zu ihrem Stellvertreter gewählt wird, ist Röttgen endgültig in der ersten Reihe der deutschen Politik angekommen.

Dabei schien eben noch unklar, ob der kühl-intellektuelle Politiker gegen seinen jovialen Konkurrenten Laschet eine Chance haben würde. Von jetzt an wird gefragt werden, ob er es auch mit Karl-Theodor zu Guttenberg aufnehmen kann. Und jede seiner Äußerungen wird daraufhin untersucht werden, ob und wann er die Kanzlerin herauszufordern gedenkt. Und kein Dementi wird dagegen helfen.

Es ist kein Zufall, dass Röttgen es bis hierher geschafft hat. Politische Klugheit, konzeptionelle Stärke und eine zwingende Rhetorik haben ihm dabei geholfen. Dass er in letzter Zeit aus seiner eigenen Generation Kritik und Missgunst auf sich gezogen hat, hängt nicht nur mit der unbeirrt-sturen Art zusammen, in der er seine Karriere verfolgt, sondern auch damit, dass kein CDU-Politiker dieser Altersklasse über seine Stärke verfügt. Dass er dies weiß und sich erkennbar wenig Mühe gibt, seine Überlegenheit in Zurückhaltung oder Herzlichkeit zu verpacken, damit hat er sich in der CDU viele Gegner gemacht.

Die eigentliche Überraschung seines jüngsten Erfolgs liegt nicht darin, dass er das Zeug zum Landesvorsitzenden hat, sondern darin, dass der als Überflieger Gehandelte die Parteibasis davon überzeugen konnte. Im parteiinternen Wahlkampf jedenfalls hat er seinen politischen Anspruch nicht heruntergedimmt, um anzukommen. Er redete nicht nur über die Lage der Kommunen in NRW, sondern beispielsweise auch über die ökonomisch-ökologische Konkurrenz mit China und welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien. Selbst in populistisch anfälligen Zeiten ist intellektueller Anspruch – wenn einer versteht, ihn zu kommunizieren – offenbar kein zwingendes Karrierehindernis. Dem Verdacht, Röttgen sei zu abgehoben, um bei der Basis zu landen, hat die Basis erst einmal widersprochen.

Wahrscheinlich hat er seiner Partei inzwischen signalisiert, was, außer dem Hang zum gehobenen politischen Diskurs, noch in ihm steckt: Härte, polemisches Talent, Angriffslust. Etwas davon war zu sehen, als er vergangene Woche in einer selten aufgeheizten Atmosphäre im Bundestag die Debatte über die Laufzeitverlängerung drehte. Plötzlich war da ein Röttgen, wie man ihn auch zu Oppositionszeiten schon kennengelernt hatte. Der sonst eher kultiviert daherkommende Schwiegersohntypus legt dann eine überraschende polemische Schärfe an den Tag.