Maschmeyer war 19 Jahre alt und studierte Medizin, als er damit begann, Menschen Versicherungen und Anlageprodukte zu verkaufen. Er war ein verkäuferisches Naturtalent, stieg schnell auf, beriet mit Anfang zwanzig Kunden, die seine Eltern hätten sein können. Er ließ sich einen Schnauzer stehen und trug Weste, weil das älter macht. Die Krawatten waren ausgesprochen bunt, und Gold baumelte in Ketten an seinem Hals, auch das große Auto ließ er nicht aus. Er wollte immer mehr. Mit Ende zwanzig machte er seinen eigenen Laden auf, den Allgemeinen Wirtschaftsdienst AWD. Der wurde zum größten Finanzvertrieb seiner Art im Land. Und zum umstrittensten.

Zu Betriebsfeiern ritt der Chef schon mal schwarz geschminkt auf einem Elefanten ein. Wie im Geschäft üblich, arbeiteten die Mitarbeiter auf Provisionsbasis. Anfangs waren die meisten Nebenberufler ohne Finanzausbildung. Auch wenn sich das längst geändert hat und es inzwischen auch auf Initiative des AWD hin eine eigene Ausbildung zum Finanzberater gibt, hat sich die Kritik bis heute nicht gelegt. Im Netz entstehen immer wieder neue Portale von AWD-Aussteigern, viele ehemalige Mitarbeiter wurden angelockt vom Versprechen des großen Geldes und konnten später ihre Vorschüsse nicht zurückzahlen.

Auch Kunden von AWD klagen. In der TV-Reihe Panorama – Die Reporter lief kürzlich ein Beitrag, in dem eine Anlegerfamilie bittere Beschwerde gegen Maschmeyer und den AWD führt , weil sie mit den empfohlenen geschlossenen Immobilienfonds und einer Immobilie Geld verlor.

"Man denkt, man begegnet einem Monster oder Dämon"

"Drei von zwei Millionen Kunden haben sich vor 15 Jahren von einem von 10.000 Mitarbeitern mal schlecht beraten gefühlt", sagt Maschmeyer. "Die haben dafür nur drei gefunden. Ein Promille des Kundenstamms. Und es wurde vergessen, dass die ein Haus haben, über dem nach zehn Jahren eine Starkstromleitung verlegt wurde, deshalb ist da kein Mieter drin." Die Beschwerden Tausender anderer Anleger, die sich ebenso beschweren, unterschlägt er in solchen Situationen kurzerhand.

Wäre er nicht lieber mit Brötchen oder Nägeln Millionär geworden? "Nein", sagt er, ohne zu zögern, "Konsumgüter sind für mich keine spannenden Produkte." Er sei beseelt davon, dass die Menschen diesen Finanzbedarf haben. Er habe einfach enorme Freude daran, Menschen für etwas zu gewinnen, was ihnen hilft. "Ich habe ein Helfersyndrom."

Vielleicht will es Carsten Maschmeyer nicht gelingen, sein altes Image abzustreifen, weil er manchmal überzieht. Weil Sätze wie der mit dem Helfersyndrom aus dem Mund eines hundertfachen Millionärs schnell grotesk wirken. Es wirkt aber nicht aufgesetzt, wenn Maschmeyer erzählt. Entweder ist er ein brillanter Verkäufer, oder er glaubt wirklich, was er sagt. Vielleicht auch beides.

Er zeigt gerne Gefühle. Manchmal guckt Maschmeyer mit seinen Söhnen DVDs, am liebsten "was ohne Glibber und ohne künstliche Menschen". Kürzlich schauten sie Blind Side – die große Chance zusammen an. Da flossen auch Tränen – Vater Maschmeyer war nach eigenem Bekunden dauergerührt von der Sozialromanze. Als er erzählt, wie ihn einer seiner Söhne zum 50. Geburtstag morgens am Bett mit einem Besuch überraschte, steigt ihm schon bei der Erinnerung daran Wasser in die Augen. Seine Lieblingsfarben sind Lila und Pink.

Es ist nicht so, als würde Maschmeyer im Nachhinein nicht einiges in seiner Vergangenheit kritisch betrachten, das Geprotze etwa. Viel sei der Sehnsucht nach Anerkennung entwachsen, sagt er.