AWD hat er im vergangenen Jahr hinter sich gelassen. Er ist noch Großaktionär und Verwaltungsratsmitglied des neuen Haupteigners Swiss Life, aber sein neues berufliches Leben heißt MaschmeyerRürup AG. Das Logo der AG ist ein Delfin, das helfende, sympathische Tier. Während Bert Rürup , der ehemalige Berater der Bundesregierung, nun zusammen mit dem Exminister Walter Riester unter Maschmeyers Flagge Banken und Versicherungen in der Produktoptimierung berät, ist Maschmeyer für Vertriebsberatung zuständig.

Manchmal hält er auch Vorträge, wie an diesem Oktobernachmittag in Berlin. Die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PWC) haben ihn eingeladen, vor einem ausgewählten Kreis von Führungskräften über guten Vertrieb zu sprechen. Maschmeyer ist in der Lobby noch mal mit etwas zittrigen Händen seinen etwa hundert Karteikarten dicken Stapel durchgegangen. Auf dem Rednerpult steht ein Glas Cola für ihn bereit. Vom Tschaka-Tschaka-Getue, das sich bei YouTube in alten Videomitschnitten von Mitarbeitermotivationsveranstaltungen finden lässt, sieht man zu seinem Vorteil nichts mehr. Die Führungskräfte gucken zunächst ein bisschen kritisch, aber schon nach der überschwänglich lobhudelnden Begrüßung des "Ehrendoktors" durch den PWC-Chef hat Maschmeyer mit der Bitte, das doch bitte noch mal für seine Mutter zusammenzufassen, den ersten kleinen Lacher gesetzt. Die Herren und wenigen Damen lauschen ihm den Rest der eineinhalb Stunden andächtig, teils mit leicht geöffnetem Mund.

Der Werber Jean-Remy von Matt kennt das Phänomen. "Man denkt, man begegnet einem Monster oder Dämon, einer zwielichtigen oder polarisierenden Gestalt, aber in Wirklichkeit ist er ganz anders", sagt von Matt. Ein faszinierender Mensch mit scharfem Verstand und ein extrem guter Zuhörer sei Maschmeyer, das schätze er besonders. Die beiden kennen sich seit 13 Jahren, die Werbeagentur hatte sich vergeblich um eine größere AWD-Kampagne beworben. Dennoch entstand daraus eine Freundschaft, die beide als eine der wichtigsten in ihrem Leben bezeichnen.

"Wir haben beide das Unmögliche möglich gemacht", sagt Ferres

Die Branche des Freundes findet von Matt allerdings wenig reizvoll. "Eine hochexplosive Materie, meins wär’s nicht", sagt er. "Aber angesichts der Tatsache, dass er aus einer so schwierigen Branche kommt, ist noch viel höher zu bewerten, dass er sich gesellschaftlich so durchgesetzt hat."

Maschmeyers Karriere ist die eines klassischen Aufsteigers aus bescheidenen Verhältnissen. Die Mutter war Sekretärin, erst alleinerziehend. Als er sechs Jahre alt war, kam ein prügelnder Stiefvater hinzu. Seinen leiblichen Vater lernte er nie kennen. Vor allem der Mutter wollte er es immer recht machen. Dass er sein Medizinstudium geschmissen hat, konnte sie erst nach Jahrzehnten akzeptieren – wohl lange nachdem der Sohn die erste Million gemacht hatte.

Veronica Ferres, Kind eines Kohlen- und Kartoffelhändlers, sieht viele Parallelen in ihren Biografien. "Ich musste mit neun Jahren helfen, die Saisonarbeiter zu bekochen, ich komme auch aus sehr bescheidenen Verhältnissen und arbeite heute mit Leuten wie Ben Kingsley oder Jessica Biel in internationalen Produktionen", sagt sie. "Wir haben beide das Unmögliche möglich gemacht."

Aber bei allem Gelungenen bleibt doch diese Sehnsucht nach einer tieferen Anerkennung. Eine Schwäche von Maschmeyer sei, dass er sich immer alles so zu Herzen nehme, sagt sein Freund von Matt. Anerkennung, die zählt für Maschmeyer viel mehr als Geld, davon hat er ja genug. Geld ist nur die Währung, in der man Erfolg misst. "Leistungssportler, Musiker produzieren unterschiedliche Dinge, messen kann man sie nur in dem, was auf ihrem Konto landet", sagt er.

Für den Vortrag bei Pricewaterhouse hat er sich denn auch nicht wie angeboten gleich honorieren lassen. "Ich habe denen gesagt, es ist mir lieber, sie bezahlen erst in einem halben Jahr, eine Summe ihrer Wahl", sagt er, "dann wissen sie auch besser, was ich ihnen wert bin."