Lieber schon spricht Heuer über die großen Chancen, die sich dem Unternehmen bieten. MTU entwickelt auch Schiffsmotoren für U-Boote und Fregatten. Längst hat das Unternehmen Werke in China, Fertigungen in den USA und der Türkei. In Indien baut der Konzern gerade ein Ingenieurzentrum auf. In ferner Zukunft werde vor allem im Ausland gefertigt und in Deutschland entwickelt, sagt Heuer. Gefährdet der Sparkurs europäischer Regierungen das Geschäft? Heuers Antwort klingt, als spräche er über einen Kampfeinsatz: "Da sehe ich keine nachhaltigen Bedrohungen." Dann schwärmt der MTU-Mann von den Wachstumszahlen Brasiliens, den interessanten Perspektiven Russlands und der Dynamik Indiens. Wer sein Büro verlässt, hat nicht das Gefühl, dass sich Heuer um die Zukunft seines Unternehmens sorgen muss. Deutsche Motoren sind in der Welt gefragt wie selten zuvor. Das Geschäft brummt.

Wahrscheinlich gilt das auch für die Produkte von Diehl Defence. Im neuen Empfangsraum ist Sprecher Paul Sonnenschein darum bemüht, den Eindruck zu erwecken, dass die deutsche Rüstungsindustrie ein sauberes Geschäft ist. Irgendwie hat er ja recht damit. Mindestens hundertmal reiner als der Empfangsraum sind manche Arbeitsplätze in der Lenkflugkörperfertigung. Dreck gefährdet die Präzision des Verkaufsschlagers Iris-T. In hellblauer Schutzkleidung, die Finger in Latexfingerlinge gestülpt, arbeiten hier vor allem Frauen an der Konstruktion des Infrarot-Suchkopfes für das Waffensystem. Ein Bild wie in der Chirurgie, nur dass hier das Herz der modernsten Kurzstreckenrakete der Welt zusammengeflickt wird. "Männer mit ihrer Grobmotorik sind für diese filigrane Arbeit weniger geeignet", sagt Sonnenschein.

Erst im vergangenen Jahr verklagte Diehl Defence einen Journalisten, weil der das Artilleriegeschoss Smart 155 als Streubombe bezeichnet hatte. Für die Hersteller solcher Waffen sind Streubomben dumm, gemein und hinterhältig. Bei der Smart 155 handele es sich aber um "Präzisionsmunition", sagt Claus Günther, der Chef von Diehl Defence.

Mit Smart töten Soldaten also clever. Aber – sie töten. Wird Günther da nicht mulmig? Der Chef weicht aus: "Wir tun alles nur Mögliche, um zu verhindern, dass unsere Munition in die Hände von Verbrechern und Terroristen gelangt."

Günther redet Klartext. Seine Stirn legt er regelmäßig in Falten; wenn er Argumente untermauern will, klopft er mit seinen wuchtigen Fingern auf den massiven Konferenztisch. Obwohl auch Diehl Defence vor allem fernab der Heimat verkauft, warnt er vor den Etatkürzungen der Bundeswehr: "Wenn hier weniger hergestellt wird und wir alles im Ausland kaufen, dann werden Milliarden Steuergelder im Ausland ausgegeben." Er sagt Mi-li-arrden und spricht auch über die Lohnsteuer, die nicht mehr in Deutschland abgeführt würde. Zudem brauche Diehl Defence "die eigenen Streitkräfte als Referenzkunden". In Günthers Büro hängt eine Satire, die Verteidigungsminister zu Guttenberg zum Rumpelstilzchen degradiert. Sie ist nur lose aufgehängt, sodass sie sich jederzeit wieder abnehmen lässt – falls der Minister mal vorbeischaut.

Die Gespräche mit den drei Rüstungsbossen Günther (Diehl Defence), Heuer (Tognum/MTU) und Wischmann (Cassidian) gleichen sich. Alle reden detailverliebt über Umsatz, Wachstumsmärkte und Innovationskraft. Fragen nach der Moral und der eigenen Verantwortung scheinen sie zu irritieren. Wischmann beispielsweise sagt, ihm komme das dann vor wie vor 40 Jahren, wie bei den Achtundsechzigern.

Wie die Nähe und das Geld die kritischen Fragen allmählich verstummen lassen, das hat Oswald Burger an sich selbst beobachten können. Einst bekam der 61-Jährige ein Bundesverdienstkreuz dafür, dass er die Geschichte des Überlinger Stollens recherchiert hatte. Dort wollte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Friedrichshafener Rüstungsindustrie Waffen produzieren. Hunderte Zwangsarbeiter kamen in dem Stollen ums Leben. Burger machte diese Verbrechen publik, und auch heute stochert der Überlinger eigentlich gern in alten Wunden.

Man sollte also annehmen, dass Burger Diehl Defence verabscheut. Doch der bekennende Pazifist ist auch Berufsschullehrer an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule und sagt, dass "die besten Schüler von Diehl Defence" kommen. Burgers Schwiegersohn ist bei Diehl beschäftigt, seine Schwester hat dort gearbeitet. Burger sitzt auch im Vorstand des Überlinger Fördervereins Sommertheater, und da "überlegen wir gerade, ob wir einen Sponsoringantrag stellen". Sein Problem: Neben Diehl gibt es nicht viel in Überlingen, was nichts mit Rüstung zu tun hat. "Je mehr ich mich gesellschaftlich engagierte, desto zurückhaltender bin ich mit kritischen Äußerungen geworden", ist Burger irgendwann aufgefallen.

Echte Pazifisten sind rar am Bodensee. Die meisten sind längst pragmatisch geworden – oder sie heißen Nena. Die Popsängerin trat vergangenes Jahr bei MTU auf, als Stargast beim Betriebsfest zum 100. Geburtstag des Unternehmens. Natürlich hat sie ihr Friedenslied von den 99 Luftballons gesungen, und 14.000 Besucher sangen mit. Bevor Nena kam, war die Hauptattraktion des Betriebsfests ein Leopard-II-Panzer.