Ingrid Mössinger sucht sich ihre Vorbilder nicht in der Kreisklasse. "Katharina die Große, Marie Curie, Coco Chanel", sagt sie: "Frauen, die sich durchgesetzt haben. Tragische Schicksale liegen mir nicht so." Das ist kein Wunder, verläuft doch auch ihre eigene Karriere äußerst erfolgreich. Für die Direktorin der Kunstsammlungen Chemnitz regnete es in den vergangenen Jahren Preise und Auszeichnungen. Vor wenigen Tagen kam für ihr Haus der Titel "Museum des Jahres 2010" hinzu, den die deutsche Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes vergibt. Die Wahl fiel auf Chemnitz, nicht etwa auf Dresden oder Leipzig: Das neu eröffnete Albertinum und das Grassi-Museum gingen leer aus.

"Als ich von dem Preis erfahren habe, kochte ich vor Freude über!", sagt Mössinger. Man muss sich fragen, wie das wohl ausgesehen hat. Die zierliche Schwäbin bleibt immer akkurat und diszipliniert. Stets sitzt ihre Garderobe tadellos. Eine fast geometrisch exakte Frisur rundet die Erscheinung ab. Zurückhaltend und ohne große Gestik spricht sie über sich und ihre Arbeit. Einen Ritter der französischen Ehrenlegion, eine Trägerin des Bundesverdienstkreuzes stellt man sich irgendwie imposanter vor.

Genau das ist ihr Trick: Ingrid Mössinger bemüht sich seit Jahren, unterschätzt zu werden. Das wird zwar schwieriger, gelingt ihr aber immer noch erstaunlich gut. Leise bewegt sie sich durch die Kunstwelt, in der Plappern zum Handwerk gehört. Diskret pflegt sie ihre Netzwerke und spart Kraft für gezielte Aktionen. Ingrid Mössinger ist eine Taktikerin.

Als die Kunsthistorikerin 1996 in Chemnitz eintraf, hatte ihre junge Vorgängerin Susanne Anna nach drei Jahren hingeworfen. Schlechte Startbedingungen für den zweiten Versuch mit einer Missionarin aus dem Westen. Mössinger hatte noch kein Museum geführt, glich den Mangel jedoch durch Gespür für die Kunstszene und Kontakte aus. Vorher war sie Chefin der Frankfurter Kunstmesse gewesen und hatte den deutschen Auftritt bei der Biennale in Sydney organisiert. Von Anfang an pochte die neue Direktorin auf den Wert des Museums für Selbstbewusstsein und Image der Stadt. Stolze Bürger hatten die Sammlung Ende des 19. Jahrhunderts angelegt, in Chemnitz’ wirtschaftlicher und kultureller Blütezeit. Um daran anknüpfen zu können, brauchte Mössinger vor allem eines: Platz. Man teilte sich den Prachtbau am Theaterplatz – 1909 eigens für die Kunst errichtet – noch mit Nebennutzern wie dem Naturkundemuseum. Beharrlich arbeitete die Direktorin auf den Umzug der "Untermieter" hin. Ein zäher Kampf in einer Zeit der Sparzwänge. Seit 2009 gehört das Gebäude wieder den Kunstsammlungen allein. Zum hundertjährigen Jubiläum wurden die neuen alten Trakte eingeweiht.

Die Ausstellungsfläche ist jetzt doppelt so groß. Trotzdem finden nur zwei Prozent der Exponate Platz. Der Fundus ist zu riesig. Er umfasst 55000 Objekte: Skulpturen und Bilder von Caspar David Friedrich, Auguste Rodin, Edvard Munch, Pablo Picasso, Andy Warhol und Georg Baselitz, Kunstplakate, wertvolle Stoffe und Tapeten. Der Expressionismus um den Chemnitzer Künstler Karl Schmidt-Rottluff und die Malerei der Romantik sind Schwerpunkte der Sammlung. "Ich habe hier großartige Ausgangsbedingungen vorgefunden und muss die Dinge nur zum Wirken bringen. Ich bin lediglich der Durchlauferhitzer", betont die Direktorin. Sie gibt sich bescheiden, manchmal kokett. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig bescheinigt ihr eine "scheinbare charmante Naivität", die das Gegenüber in Sicherheit wiege. Entpuppt sich Ingrid Mössinger als verbissene Verhandlungspartnerin, ist das Staunen meist groß.

Mit dieser Überraschungstaktik gelang ihr 2003 ein Meisterstück: Der Münchner Galerist Alfred Gunzenhauser verschenkte seine mehr als 2000 Exponate umfassende Sammlung nach Chemnitz. Mitbewerber aus Berlin, Leipzig und München blieben überrumpelt zurück. Ingrid Mössinger hatte Gunzenhauser ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte: ein eigenes Museum. Dieses hatte sie vorher der Stadtverwaltung aus dem Kreuz geleiert. Das ehemalige Chemnitzer Sparkassengebäude, ein denkmalgeschützter Bau der dreißiger Jahre, wurde saniert und als "Museum Gunzenhauser" wiedereröffnet. Dank der 290 Werke von Otto Dix im Gunzenhauser-Fundus kann Chemnitz nun mit der "weltweit größten musealen Sammlung" von Arbeiten des Künstlers werben.

Superlative häufen sich, seit Ingrid Mössinger Direktorin ist: Sie bezirzte Bob Dylan, bis ihr Haus als erstes auf der Welt seine Zeichnungen zeigen durfte – und lockte mit der Ausstellung Picasso et les femmes Publikumsmassen. Das hat Chemnitz gutgetan. Die Stadt hat seit 1989 ein Fünftel der einst 310.000 Einwohner verloren. Sie droht zu vergreisen – stärker als jede andere Region Europas, wie unlängst eine EU-Studie ergab. Darüber hinaus strotzen Fernsehbeiträge und Zeitungsartikel über Chemnitz von Klischees. Das macht Ingrid Mössinger wütend: "Immer zeigen sie den Marxkopf, Abrissgebäude und Arbeitslose." Chemnitz sei keine Provinz, davon ist die Museumschefin überzeugt. Und die Anziehungskraft einer Ausstellung hänge nicht von der Stadtgröße ab. Sie sagt: "Man kann auch in Berlin erfolglos sein."