Bekannt wurde sie als Modefotografin, die Berlinerin (bis 1989: Ostberlinerin) Sibylle Bergemann. Doch viele werden, wenn sie ihren Namen hören oder lesen, an ein Werk von ihr denken, das mit ihren Arbeiten für die DDR-Modezeitschrift Sibylle nichts zu tun hat: an ihre berühmte Fotoserie zur Entstehung und Aufstellung des Marx-Engels-Denkmals am inzwischen abgerissenen Palast der Republik. Von 1975 bis 1986 hatte der Bildhauer Ludwig Engelhardt an dem Monument gearbeitet, sie hatte ihn mit ihrer Kamera begleitet. Dabei entstand eine grandiose Serie von Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die alle Werkphasen festhält. Groteske Bilder gibt es darunter, die einige der ersten unförmigen Tonentwürfe zeigen oder Engels, am Kranhaken über dem Aufstellungsort schwebend. Es sind Fotografien, die eigentlich nur ganz schulbuchhaft das Werden eines Kunstwerks beschreiben und die doch eine behutsame Ironie umgibt, fast ein zärtlicher Hohn.

Vielleicht aber ist es just der Blick der Modefotografin, der diesen Bildern ihren Reiz gibt. Denn gerade das: den anachronistischen Versuch, Marx und Engels der Zeitlichkeit zu entrücken, die beiden Erzmaterialisten mittels Erz zu entmaterialisieren und für die Ewigkeit zu präparieren, unterläuft sie mit ihrem Sinn für den flüchtigen Moment, die Pose, den gespielten Auftritt.

Sibylle Bergemann war eine leise Künstlerin – Alles Laute ist Lüge überschrieb die Reporterin Jutta Voigt ein Porträt von ihr. 1941 in Berlin geboren und dort aufgewachsen, arbeitete Bergemann zunächst als Sekretärin bei der DDR-Zeitschrift Das Magazin. Ihr Talent gab ihr den Mut zur Kunst. Sie studierte in Berlin-Weißensee bei Arno Fischer, der später ihr Mann wurde. Die Wohnung des Künstlerpaars entwickelte sich zu einem Salon bekannter Fotografen, auch ausländische Kollegen wie Robert Frank und Henri Cartier-Bresson kamen zu Besuch.

In der Arbeit für das Modemagazin Sibylle, das von ihr seit den siebziger Jahren mitgeprägt wurde, entwickelte sie ihren eigenen Stil. Ihre Porträts zeigen keine Analytikerin, sondern eine Menschenerklärerin, eine Lebensvertraute.

Gleich nach dem Fall der Mauer gründete Bergemann zusammen mit anderen namhaften DDR-Fotografen wie Harald Hauswald und Thomas Sandberg die inzwischen schon legendäre Agentur Ostkreuz. Von der Mode nahm sie Abschied, für große Fotoreportagen zog sie aus in die Welt. Treu indes blieb sie der Kunst des Porträts, der sanften Beobachtung aus der unerbittlichen mittleren Distanz. Zahlreiche Ausstellungen mehrten den Ruhm der stillen Fotografin. Am 1. November ist Sibylle Bergemann in Berlin gestorben.