Für einen Augenblick wurde sein ewig sonnengebräuntes Gesicht aschfahl. Soeben hatten die Parteifreunde seine Lebensplanung ruiniert und aus Verärgerung über Verluste bei den Kongresswahlen die gesamte republikanische Führung des Repräsentantenhauses zu Washington in die Wüste gejagt. Darunter auch ihn, die Nummer vier der Fraktionshierarchie. Der Traum, schnell an die Spitze der Partei vorzustoßen, war verflogen. Doch John Boehner fasste sich schnell wieder und munterte seinen deprimierten Bürochef auf: "Wir werden lächeln und hart arbeiten. Und wir werden uns den Weg zurück verdienen." Boehner zog sein maßgeschneidertes Jackett gerade, zündete sich eine Filterzigarette der Marke Camel Ultra Light an und verließ lächelnd den Saal.

Das war 1998. Jetzt, zwölf Jahre später, ist der Abgeordnete John Boehner ganz oben angekommen . Die Republikaner haben am Dienstag bei den Kongresswahlen das mächtige Repräsentantenhaus von den Demokraten zurückerobert . John Boehner, einer der maßgeblichen Architekten des konservativen Siegs, wird nicht mehr, wie in den vergangenen vier Jahren, eine republikanische Minderheit führen, sondern die Mehrheitsfraktion. Wenn der neue Kongress im Januar zusammentritt, werden die Republikaner ihn zum Sprecher des Repräsentantenhauses wählen. In dieser Funktion rückt er in die oberste Staatsspitze auf und wird nach Präsident und Vizepräsident zum dritthöchsten politischen Amtsträger Amerikas.

"Das ist purer Sozialismus", schimpfte Boehner über die Gesundheitsreform

Auf Boehner kommt es jetzt an. Von ihm wird abhängen, ob die Republikaner im Kongress weiter an ihrem unversöhnlichen Nein zu Obamas Reformvorschlägen festhalten. Die Mehrheit der Amerikaner wünscht laut Umfragen keine starre Obstruktion. Boehner selbst sagt: "Es ist an der Zeit, dass wir zusammenkommen und ein Gespräch unter Erwachsenen über die ernsten Probleme unseres Landes führen." Er hat es abgelehnt, am Wahlabend ein rauschendes Siegesfest zu feiern. Doch etliche republikanische Abgeordnete, vor allem die Angehörigen der rechten Tea-Party-Bewegung, wollen die Demokraten ihre Niederlage spüren lassen. Schließlich haben sie ihren Wählern versprochen, die Obama-Agenda zu blockieren, wo sie nur können. Boehner übernimmt eine radikalisierte, feindselige Partei. Die Zeichen stehen eher auf Konfrontation.

John Boehner ist daran nicht schuldlos. Er hat sofort nach Obamas Wahlsieg die starre Nein-Front mit aufgebaut und streng darauf geachtet, dass die Reihen geschlossen blieben. "Das ist purer Sozialismus", schimpfte Boehner über die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherungspflicht . Andererseits weiß er nur zu gut, dass die Wähler am Dienstag allein aus Enttäuschung über den Arbeitsmarkt und die Obama-Regierung zu den Konservativen übergelaufen sind – und nicht weil sie auf einmal von den Republikanern begeistert wären .

Eine linke Regierung, ein rechtes Parlament – gespaltene Macht ist in Amerika die Regel , die Verfassung legt es geradezu darauf an. Damit die Politik nicht stillsteht, müssen sich Präsident und Sprecher des Repräsentantenhauses irgendwie arrangieren. Obama und Boehner hatten bislang wenig persönlichen Kontakt. Der kühle Demokrat aus Illinois hielt Abstand zum eher kumpelhaften und trinkfesten Republikaner aus Ohio. Immerhin sind beide keine Fanatiker, sondern eher ausgleichend. Spöttisch, aber fast liebevoll sagte der schwarze Präsident vor einiger Zeit über den sonnengegerbten Republikaner: "Wir haben viel gemeinsam", auch Boehner sei ein "Farbiger", allerdings von keiner Farbe, die in der Natur vorkomme. Boehner soll herzlich gelacht haben.

Wer ist dieser bald 61-jährige John Andrew Boehner aus Cincinnati? Als neulich ein Meinungsforschungsinstitut danach fragte, wussten vier von fünf Amerikanern nichts dazu zu sagen. Sie kannten ihn kaum. Wenn man ihn treffen wolle, spottet ein Parteifreund, müsse man nach 18 Uhr eine Bar oder ein Steakhaus in der Nähe des Kapitols aufsuchen. In Boehners Büro brenne nach Einbruch der Dunkelheit selten Licht.

Im Grunde gibt es zwei Boehners: den smarten Lobbyistenfreund und den hemdsärmeligen Kumpel. Der eine ist ein Abbild all dessen, was die Amerikaner (und die Tea Party ) an der Politik in Washington so erregt und erzürnt. Der andere hingegen repräsentiert die besten konservativen Tugenden und Traditionen, die in der Republikanischen Partei zuletzt eher rar geworden sind.