Wachstum und Fortschritt sind die politischen Kampfbegriffe dieser Tage. Manche stilisieren sie, manche verteufeln sie. Vor allem bei denen, die es sich leisten können, ist Wachstumsskeptizismus wieder modern. Dabei vergessen diese Postmaterialisten nicht nur gern, worauf ihr Bionade-Lebensstil beruht. Sie haben auch die Idee und die Vorstellung von Fortschritt aufgegeben. Sie sind ökonomisch wie sozial blind und perspektivlos. Und sie können sich nicht mehr vorstellen, dass wir die Probleme der bestehenden, alten Industriegesellschaft mit neuen Methoden lösen können.

Der Club of Rome wies 1972 in einer Studie mit dem Titel The Limits of Growth darauf hin, dass wir die Belastbarkeit unseres Planeten überschritten haben. Wenn die Bevölkerung, die Produktion von Nahrungsmitteln und Industriegütern, die Umweltverschmutzung und der Verbrauch nicht erneuerbarer Rohstoffe mit unverändertem Tempo weiter wachsen, dann, so der Schluss, wird die Weltwirtschaft kollabieren.

Das ist richtig, bedeutet aber nicht, dass des Problems einzige Lösung Askese ist. Wir müssen vielmehr Massenwohlstand mit der Leistungsfähigkeit unseres Planeten in Einklang bringen. Wachstum und Ressourcenverbrauch können und müssen entkoppelt werden. Wir brauchen Wachstum mit Qualität.

Dazu ist ein Fortschrittsmodell nötig, in dessen Zentrum neue Technologien, Produkte und Produktionsverfahren für mehr Energie- und Ressourceneffizienz stehen. Das Statistische Bundesamt hat festgestellt, dass der Verbrauch von Ressourcen der größte Kostenfaktor in der Produktion des deutschen verarbeitenden Gewerbes ist. Er beträgt 46 Prozent des Bruttoproduktionswertes. Die Deutsche Materialeffizienzagentur (demea) schätzt, dass die gewerbliche Wirtschaft Deutschlands pro Jahr 100 Milliarden Euro sparen könnte, wenn sie Rohstoffe und Materialien nur zu 20 Prozent effizienter nutzte. Und da tun wir so, als wären die Löhne, die nur knapp 20 Prozent der Kosten ausmachen, die einzige Stellschraube zum Kostensparen.

Allein die Recyclingtechnologien werden durch die weltweite Bevölkerungsexplosion zum großen Wachstumsmarkt. So dürften in Deutschland hier in den nächsten zehn Jahren 20 Milliarden Euro investiert werden. Dadurch können bis zu 200.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Zudem wird beim Recycling deutlich weniger Energie verbraucht als bei der Produktion von Primärrohstoffen. Auch die Kohlendioxidemissionen betragen beispielsweise beim Aluminiumrecycling nur ein Fünftel des Wertes, der bei der primären Aluminiumproduktion emittiert wird. Und Recycling bietet Exportchancen: Deutschland hat bei den entsprechenden Technologien bereits einen Marktanteil von gut einem Drittel.

Oder nehmen wir die Biotechnologie. Sie kann aufwendige und giftige chemikalische Vorgänge ablösen. Der Konzern Boehringer Mannheim (heute Roche Diagnostics) hat errechnet, wie der Einsatz einer gentechnisch veränderten Hefe die Herstellungskosten eines Medikamentenwirkstoffs reduzierte und die Umweltbilanz verbesserte. Die Produktionskosten sanken von 80.000 Euro auf 4500 Euro, die Abfälle und Abwässer von 200 Tonnen auf 40. Der Energieverbrauch der Produktion war um 80 Prozent geringer.

Um wirklich umzusteuern, müssen wir künftig allerdings auch den Verbrauch an frei verfügbaren natürlichen Ressourcen mit einem Preis versehen und nicht nur den Ausstoß von CO₂. Der wirtschaftliche Wert der Ökosysteme ist weitaus höher, als Ökonomen und Naturwissenschaftler bisher angenommen haben. Die rund 100.000 Naturschutzgebiete der Erde versorgen die Menschen mit Ökosystemdienstleistungen im Wert von 4,4 bis 5,2 Billionen US-Dollar pro Jahr. Das ist mehr als die Summe der Umsätze des weltweiten Automobilsektors, Stahlsektors und IT-Dienstleistungssektors.