Hat sich jetzt Thomas de Maizière geändert? Oder die Lage? Es gebe "ernst zu nehmende Hinweise auf Anschläge in Europa und den USA" , erklärte der Bundesinnenminister am vergangenen Sonntag, es gebe keine konkrete Spur, aber er bitte alle Bürger um Wachsamkeit.

Das ist ein neuer Ton. So hat dieser Minister noch nicht gesprochen. Schon deshalb hört man seine Worte mit Sorge. Und stellt sich die Frage: Ist die Sorge berechtigt?

Es gibt darauf keine einfache Antwort. Terrorwarnungen sind ein undurchsichtiges Geschäft. Niemand, der damit zu tun hat, agiert offen – die Geheimdienste nicht und die Politiker auch nicht. Und kein Journalist, kein Kontrollgremium kann wirklich herausfinden, was von den Informationspartikeln zu halten ist, die hier und da herumschwirren, so wie jetzt gerade wieder.

Von Schläferzellen in Deutschland und Dänemark ist da die Rede, von Überfällen nach Mumbai-Art, von Al-Qaida-Kommandos, die auf dem Weg nach Europa seien. Es gibt viel Geraune, aber wenig Gewissheit.

Mehr noch, es gehört zum Wesen der Warnung, dass sich kaum überprüfen lässt, ob sie berechtigt war. Wenn am Ende nichts passiert, heißt das ja nicht, dass nie eine Gefahr bestand. Vielleicht hat gerade die Warnung dazu beigetragen, sie abzuwenden.

Für eine offene, demokratische Gesellschaft ist das ein schwer erträglicher Zustand. Sie schwankt zwischen Ratlosigkeit, Resignation und Furcht, und doch bleibt ihr nicht viel anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass die zuständigen Politiker mit den Terrorwarnungen sorgsam umgehen. Dass sie nicht zu oft Alarm schreien und dass sie ihre Warnungen nach Gefahrenlage ausgeben , nicht nach Stand der Umfragen.

Wäre es also besser, auf Warnungen völlig zu verzichten? Keine Unruhe zu verbreiten und ganz auf den Erfolg des Kampfes im Halbdunkel der Geheimdienste zu vertrauen? Nein. Denn Terrorwarnungen haben viele Funktionen – operative, symbolische, politische. Sie lassen sich auf sehr unterschiedliche Weise lesen, ja, sie sollen gerade verschiedene Adressaten erreichen.

Zuerst und vor allem richtet sich jede Terrorwarnung an die Bevölkerung. Es gibt da ein Problem, besagt die Warnung der Behörden, wir haben es wahrgenommen, aber wir benötigen Hilfe. Wir brauchen Leute, die hinschauen. Werdet nicht hysterisch, aber haltet die Augen offen.

Tatsächlich sind schon manche Terrorpläne durch aufmerksame Passanten vereitelt worden, zuletzt der gescheiterte Autobombenanschlag am New Yorker Times Square .

Dann, zweitens, ist eine solche Warnung auch an die Terroristen adressiert, an die Anschlagsplaner und Bombenleger. Die Botschaft lautet: Wir wissen, dass ihr da draußen seid, und wir tun alles, um eure Pläne zu durchkreuzen. Diese Botschaft ist Teil der psychologischen Kampfführung, die notwendig zur Terrorabwehr gehört.

Zögerliche Attentäter hält sie vielleicht von der Tat ab, die fanatisch Entschlossenen setzt sie unter Druck und lässt sie, im besten Fall, Fehler machen.