Sein Name ist im deutschen Sprachraum nur Eingeweihten geläufig. Paul Nizon, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller, ist ein Außenseiter des Literaturbetriebes. Dass ihm am 15. November in Wien der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen wird, korrigiert dieses Manko wenigstens spurenweise, stellt es ihn doch in eine Reihe mit den klingenden Namen früherer Preisträger, mit Eugène Ionesco, Milan Kundera, Marguerite Duras oder Salman Rushdie.

Der Sohn eines russischen Einwanderers und einer Schweizerin, 1929 in Bern geboren, kehrte seinem Geburtsland 1976 den Rücken. "Ich wollte niemals zurück", sagt er heute, "obwohl das eine Kaffeesatzspur von Nestbeschmutzung hinterließ, denn man geht nicht fort aus der Schweizer Heimat. Ich aber nahm mir damals viel vor: In Paris, der Welthauptstadt der Kunst, der Liebe, die so viele große Künstler entbunden hat, ans Licht zu kommen." Seine Sehnsucht, in Frankreich anerkannt zu werden, ging in Erfüllung – seine Bücher wurden allesamt ins Französische übersetzt, sein Name hat sich in der Wahlheimat durchgesetzt. Die wichtigste meinungsbildende Pariser Tageszeitung Le Monde bescheinigte ihm bereits vor Jahren, er sei "ein Schriftsteller allererster Ordnung, vielleicht heute der größte im deutschsprachigen Raum".

Die Stadt an der Seine, ihre Sinnlichkeit, ihre Schönheit, wurde denn auch zu einem zentralen Motiv seiner Werke. Wie etwa in dem 1981 erschienenen Roman Das Jahr der Liebe , einem Ausbund an Lebenslust, Lebensgier, an erotischer Finesse, humorvoller Selbstbespiegelung, der Auslotung des Horrors Einsamkeit. Werke wie Stolz , Im Bauch des Wals oder die zuletzt erschienenen Bücher Hund und Das Fell der Forelle legen Zeugnis von einem Dasein ab, das nahezu ausschließlich der Literatur verpflichtet ist. In loser Folge publiziert der Suhrkamp Verlag darüber hinaus die Journale der Jahre 1960 bis 1999; sie spiegeln sein vollständig kompromissloses Schriftstellerleben auf das Eindrucksvollste wider, sind nicht zuletzt von jener Passion seiner Existenz durchblutet, der eine eminente Bedeutung zufällt: seiner Liebe zum weiblichen Geschlecht, seiner Sehnsucht nach körperlicher Nähe. Wer seine Bücher liest, begegnet einem Geistesverwandten Henry Millers. "Ich habe den Sexus in die deutsche Literatur eingeführt", erklärt er nicht ohne Stolz.

Thomas Bernhard ließ kaum einen lebenden Schriftsteller neben sich gelten, mit Nizon hingegen sympathisierte er, traf ihn in Zürich, lud ihn nach einer Lesung in Gmunden in sein nahe gelegenes Haus in Ohlsdorf ein. "Wir haben fast den ganzen Tag nur gelacht", erinnert sich Nizon.

Auch Elias Canetti ließ kaum einen lebenden Dichter neben sich gelten, Paul Nizon hingegen schätzte er ungemein. Die beiden lernten einander 1964 kennen, ihre Freundschaft "mit sehr, sehr viel Austausch" währte bis zu Canettis Tod 1994. "Er war eine Schutzmacht für mich. Als mein erstes Buch, Canto, erschienen war, musste ich viel Böses einstecken. Canetti aber hielt zu mir, ermutigte mich: Ich dürfe keinesfalls aufgeben. Sein Glaube an mich war mir ungeheuer wichtig. Und die Gespräche mit ihm berauschten mich. Ich kam oft um fünf Uhr nachmittags zu ihm – und wir redeten ohne Unterlass bis fünf Uhr früh."

Mit Peter Handke sei er "sparsam befreundet", sagt Nizon; obwohl beide in Paris leben, sehen sie einander eher selten, empfinden aber Hochachtung füreinander.

Zu Max Frisch, dem er 1960 begegnete und den er, wie er erst in letzter Zeit zugibt, durchaus bewundert hat, befand er sich in einem Rivalitätsverhältnis. Er habe ihn "immer in einer Machthaberposition kraft seiner Berühmtheit und seines Reichtums" gesehen, heißt es in Die Zettel des Kuriers , dem Journal der Jahre 1990 bis 1999: "Er war für mich immer ein wenig kleinkariert, er war nie ein trunkenes Schiff. Ich konnte wohl nie begreifen, auf Grund welch großer Vorzüge er in der Welt dermaßen berühmt geworden war."