Der ehrenamtliche Verein Xtinct betreibt eine Kampagne gegen das Artensterben. Um sein Anliegen unters Volk zu bringen, lässt er Künstler ausgestorbene (englisch: extinct) Spezies porträtieren. Auf Shirts oder Jacken gedruckt, sollen diese Werke zweierlei bewirken: Ihre Käufer lenken erstens mit stolz geschwellter Brust Aufmerksamkeit auf verschwundene Bioschätze wie Beutelwolf, Dodo, Goldkröte oder Riesenseekuh. Und fördern zweitens Artenschutzprojekte mit einem Teil des Kaufpreises.

Die jüngste Erweiterung des Xtinct-Sortiments ist einem verblichenen Insekt gewidmet: Die Linsenfliege gilt seit mehr als einem Jahrhundert als tot wie ein Dodo. Doch kaum war das Insekt porträtiert, da stellte sich heraus, die Fliege schwirrt noch herum . Welch erfreuliche Panne.

Und nicht nur die Linsenfliege feiert fröhliche Urständ. Amphibienforscher verkündeten kürzlich die Wiederauferstehung von drei als längst erloschen geltenden Arten, zwei Frosch- und einer Salamanderspezies. Einzelfälle?

Mitnichten, es gibt Jesus-Arten zuhauf. So beschrieben Ende September australische Forscher in den Proceedings of the Royal Society B das Schicksal von 187 Säugetierarten, die seit dem 16. Jahrhundert als ausgestorben registriert waren. Stolze 67 davon, also ein gutes Drittel, wurden später wiederentdeckt. Das führt zu der Frage: Was darf man Biologen auf diesem Feld überhaupt glauben?

Wenig. Die Biodiversitätsforschung steckt noch in ihren Anfängen. Der Zensus des marinen Lebens hat es verdeutlicht: Biologen können nicht einmal zuverlässig schätzen, wie viele Arten die Erde besiedeln, wie viele noch unentdeckt sind oder jährlich aussterben. Ihre gefühlte Antwort lautet in allen drei Fällen: Unfassbar viele.

Wie schwierig Arten zu erfassen sind, zeigt das Beispiel der Linsenfliege. Das ein Zentimeter große Insekt, auch Hundefliege genannt, kennzeichnet ein auffällig rot leuchtender Kopf und ein stahlblauer Körper. Als sein Lebensraum galten Deutschland, Schweiz, Österreich und Frankreich. Es bevorzugte Aas von Großtieren und nutzte zur Aufzucht seiner Larven das Mark aufgebrochener Knochen. Doch im 19. Jahrhundert wurden Kadaver zunehmend beseitigt, knochenbrechende Tiere wie Bär, Wolf, Luchs oder Bartgeier verschwanden. Lebensraum futsch, Fliege futsch. Vor 160 Jahren wurde sie bei Paris zum letzten Mal gesichtet. Nach einem halben Jahrhundert Nimmerwiedersehen galt die Fliege als ausgestorben.

Die traurige Gewissheit bekam Ende 2009 den ersten Knacks, als ein Amateurfotograf im spanischen Nationalpark Sierra de Cebollera eine scheinbar unbekannte Fliegenart mit rot leuchtendem Kopf entdeckte, die er zunächst für eine tropische hielt. Im August 2010 fanden dann spanische Insektenkundler im selben Nationalpark weitere Exemplare. Die Linsenfliege war endgültig wiederentdeckt. Xtinct zog sich leicht aus der Affäre: Unter dem Fliegenporträt auf den Shirts ist die übliche Unterschrift "Xtinct" nun durchgestrichen, oben prangt die Überschrift rediscovered, wiederentdeckt.