DIE ZEIT: Frau Abonji, wie haben Sie zur Sprache Ihres Romans Tauben fliegen auf gefunden?

Melinda Nadj Abonji: Die Tonalität des Textes war von Anfang an da. Sie war in meinem inneren Ohr. 2004 habe ich angefangen zu schreiben, über meine Erinnerungen, meine Kindheit in Jugoslawien und der Schweiz – und habe gemerkt: Das wird ein sehr langer Text, weil diese Tonalität sehr lang trägt.

ZEIT: Wie würden Sie Ihren Ton beschreiben?

Abonji: Das ist natürlich sehr schwierig. Es ist ein langer Atem, es sind Sätze, die ausschwingen, die einfach lang tragen. Mein Ton kann Erinnerungen tragen, kann Figuren tragen, auch dialogische Passagen. Ich arbeite einfach viel mit dem Ohr.

ZEIT: Wieso haben Sie angefangen zu schreiben?

Abonji: Es passierte in Graz, wo ich während meines Studiums ein paar Wochen war. Da habe ich niemanden gekannt und bin sehr einsam gewesen. Ich hatte das Gefühl: Hey, hier sterbe ich. Und dann ist mir etwas passiert, was wichtig für mich war. Ich bin beim Baden gewesen, und ein kleiner Bub kam zu mir und hat gesagt: "Kommst du mit mir zum Tauchen?" Und dann bin ich mit ihm mit, man kann so ein Angebot ja nicht ausschlagen, oder? Das war einfach so ein Initiationsmoment, wo mir klar wurde, da würde ich gerne drüber schreiben. Und zwar schon am selben Abend. Und dann habe ich ein paar Zeilen aufgeschrieben; die gibt’s immer noch.

ZEIT: Was ist zuerst da, der Stoff oder die Sprache?

Abonji: Es ist extrem nah zusammen. Für jeden Stoff muss man eine neue Sprache finden.

ZEIT: Sie sprechen Ungarisch, haben Zürichdeutsch, dann Hochdeutsch gelernt. Was bedeutete dieser Spracherwerb für Ihre Schriftsprache?

Abonji: Über das Ungarisch kann ich nicht viel sagen. Das ist einfach meine erste und die tiefgelagertste Sprache. Mit meinem Kind habe ich sofort angefangen, Ungarisch zu sprechen. Das passiert einfach. Das ist die Sprache der ersten sinnlichen Eindrücke. Und nachher ist das fast zeitgleich passiert, der Erwerb vom Zürichdeutsch und Hochdeutsch. In einem ersten Schritt hat es mich beeindruckt, dass die Sprache der Bücher, die ich las, eine andere war als meine mündliche Sprache. Und weil ich eben früh und viel gelesen habe, habe ich auch schon als Kind hochdeutsch gedacht – wenn ich "mit mir" gesprochen habe. Heute ist das Zürichdeutsche meine mündliche Sprache, die Familiensprache ist Ungarisch geblieben, und das Hochdeutsche ist so eine Art Kunstsprache. Auf diesen drei Ebenen spielt sich mein Leben ab.