DIE ZEIT: Frau Elmiger, wie haben Sie zur Sprache Ihres Romans Einladung an die Waghalsigen gefunden?

Dorothee Elmiger: Das ist ein Probieren, bis man den Ton trifft, der einem vorschwebt, den man im Hinterkopf hat und immer versucht zu erreichen. Ich hab von mir selber das Gefühl, dass immer noch ein bisschen fehlt. Das ist auch der Grund, wieso ich immer wieder nach der Sprache suche.

ZEIT: Wann haben Sie den Punkt, einen Satz erreicht, wo Sie sagen: Ja, das stimmt jetzt?

Elmiger: Das gibt’s, aber ich könnte spontan keinen Satz nennen – es ist schwierig, im Nachhinein so eine Stelle zu benennen. Und ich kann keinen einzigen Satz meines Buches auswendig.

ZEIT: Ist das Buch so weit weg von Ihnen?

Elmiger: Das liegt mir nicht. Ich kann auch kein einziges Lied auswendig oder Gedicht oder so.

ZEIT: Wann gibt es eine Symbiose zwischen Ton und Inhalt? Wie fühlt sich das an?

Elmiger: Das ist eine sehr schwierige Frage. Auf einer theoretischen Ebene ist es dann gut, wenn die Sprache die Welt widerspiegelt, diese reflektiert und gleichzeitig einen Schritt darüber hinausgeht.

ZEIT: Ist das dann Literatur?

Elmiger: Ich möchte Literatur eigentlich nicht definieren. Ich glaube, das steht mir nicht zu.

ZEIT: Wann hat sich bei Ihnen der Drang eingestellt, etwas zu verschriftlichen?

Elmiger: Ich habe schon in der Schule gern geschrieben. Existenziell ist es erst später geworden.

ZEIT: Was heißt existenziell?

Elmiger: Wenn ich mir sehr sicher bin, dass ich das unabhängig von der Resonanz machen will. Denn Schreiben ist eine gute Form des Nachdenkens.

ZEIT: Stand es für Sie je zur Debatte, im Dialekt zu schreiben?

Elmiger: Bis jetzt eigentlich nicht. Mit einem Ostschweizer Dialekt hat man es ja auch eher schwer. In letzter Zeit habe ich ab und an darüber nachgedacht, aber ich habe kein Problem damit, auf Hochdeutsch zu schreiben.

ZEIT: Warum?

Elmiger: Würde ich Dialekt schreiben, gäbe es sofort so eine starke Bindung zur Gegend, wo ich aufgewachsen bin. Aber es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe, vor dem Schweizer Dialekt weglaufen zu müssen. Jetzt, wo ich in Deutschland wohne, habe ich zum einen die Distanz zum Schweizerdeutschen, zum anderen aber natürlich auch zum Hochdeutschen, und ich finde das eher etwas Schönes. Distanz erlaubt halt einfach einen anderen Blick.

ZEIT: Wie sehen Sie denn die heutige Schweiz?

Elmiger: Da ist viel passiert – und nichts Gutes. Und was mich an der Schweiz sehr stört, ist der Rechtsrutsch, die Asylpolitik.