Ganz unpatriotisch gilt es festzuhalten: Der Schweiz, und hier reden wir der Sache wegen für einmal nur von der deutschen Schweiz, ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine bemerkenswerte Dichte an hervorragenden Autorinnen und Autoren erwachsen. Mal abgesehen von den Titanen Dürrenmatt und Frisch, müssen von den Nachfolgenden Peter Bichsel, Jörg Steiner, Hugo Loetscher, Eugen Gomringer, Klaus Merz, Erika Burkart, Thomas Hürlimann, Adolf Muschg sowie Hermann Burger zu den ganz Großen gezählt werden. Bei den Jüngeren ist es der Dramatiker Lukas Bärfuss und bei der Prosa Peter Weber, von dem gar sein Berufskollege Michel Mettler, der selber mitDie Spange einen viel beachteten Erstling bei Suhrkamp publiziert hat, sagt: "Von meiner Generation wird er sicherlich bleiben."

Diese schreiberische Exzellenz ist auch anderen nicht verborgen geblieben. Gerade wurden die 25-jährige Ostschweizerin Dorothee Elmiger für Einladung an die Waghalsigen und die 42-jährige Zürcherin Melinda Nadj Abonji fürTauben fliegen au f mit Preisen überschüttet, Letztere erhielt gar den Deutschen Buchpreis, weswegen ihr Buch schon 120000-mal verkauft worden ist. Beide sind auch für den Schweizer Buchpreis nominiert, der dieses Wochenende auf der Buchmesse in Basel vergeben wird (siehe Interviews auf der folgenden Seite). Und gleichzeitig erhält Paul Nizon den österreichischen Staatspreis für europäische Literatur (ein Porträt des Schweizer Autors können Sie unter www.zeit.de/oesterreich lesen). Zudem veröffentlichen die meisten Schweizer Schriftsteller in namhaften, marktmächtigen deutschen Verlagen wie Suhrkamp.

Was ist los? Wie konnte ein so kleines Land eine literarische Großmacht werden? Diese Frage muss eine Antwort am Jurasüdfuß finden.

Ruft man den großen alten Mann der Schweizer Literatur in Solothurn an, dann spricht er seine Wahrheit ganz gelassen aus: "Wäre ich Franzose, ich wäre wohl kein Schriftsteller geworden. Mein Werkzeug, die Sprache, wäre mir zu selbstverständlich gewesen." Peter Bichsel meint damit den Umstand, dass ihn erst die harte Arbeit an der hochdeutschen Sprache, die für ihn "keine Fremdsprache, sondern eine fremde Sprache" sei, zum dem gemacht hat, was er heute ist: ein Meister der kleinen Form.

Aber es wächst Gutes nach. Melinda Abonji zum Beispiel. Sie hat sechs Jahre lang an ihrem Buch geschrieben, das dann immerhin 300 Seiten lang wurde, ein Textmonster für Schweizer Verhältnisse. Ein Buch aber, das man, würde man nur den Klappentext lesen, wohl getrost wieder beiseite legte. Eine Einwanderergeschichte. Vom Balkan in die Schweiz. Hochgearbeitet. Wunderbar. Hat man so was nicht schon mal gelesen? Natürlich, am eindrücklichsten wohl in der amerikanischen Literatur. Aber Abonjis Roman verdient keinen Buchpreis für das, was er erzählt, aber wie er es erzählt, das ist eine Sensation. Die Zürcherin hat für ihr Thema eine flirrende Sprache gefunden, die ihr so leicht keiner nachmacht, weil sie erst Dank ihr dem Leser erfahrbar macht, wie sich der Traum vom besseren Leben anfühlt .

Und damit trifft Bichsel, dieser hochartifizielle Schreiber im Gewand des Geschichtenerzählers, ins Schwarze: Es ist das Ringen um die Hochsprache, das die Schweizer Schriftsteller stark macht. Sie müssen die Sprache ihrer Bücher erst erwerben, ein Wort, in dem das Liebe- und Mühevolle des Kunstwerks schon enthalten ist. Sie können nicht, wie etwa Thomas Mann, aus dem Selbstverständlichen schöpfen. Und das ist ihr Glück. Peter Bichsel sagt: "Die hochdeutsche Sprache, die tendenziell zur Geschwätzigkeit neigt, bleibt uns Deutschschweizern fremd, fremder als das Englische oder das Französische, die viel mehr Melodie haben." Gerade weil das Hochdeutsche eine "Kunstsprache, erfunden von Martin Luther", sei, eigne es sich ganz hervorragend für den ästhetischen Prozess eines Autors, dessen Muttersprache das Hochdeutsche nicht sei. Oder, wie es Franco Supino, ein anderer, jüngerer Autor aus Solothurn, ausdrückt: "Wir sind im Vorteil gegenüber deutschen Autoren, bei denen die Sprache des Romans und die Sprache des Alltags gleich oder ähnlich sind. Das Spektrum dort ist zu undifferenziert: Es gibt nur Alltagssprache oder poetische Sprache. Der deutschen Literatur aus Deutschland fehlt die Mundart als poetische Tonlage, als literarische Kategorie. Dies zum Nachteil der Sprache des Romans, die darunter leidet."

Ja, die Mundart, der "niedere Ton", hat einen großen Stellenwert in der Literatur aus der Schweiz, und das nicht erst seit Robert Walser, dem Übervater aller hiesigen Autoren. Das zeigt sich zum Beispiel auch mit den Buchpreis-Nominationen des Mundart-R omans Der Goalie bin ig von Pedro Lenz oder der Werke eines Kurt Marti, der mit seinen Mundart-Gedichten Meilensteine gesetzt hat. Hier feiert das Umgangssprachliche Urständ, ins Hochdeutsche lässt sich das allerdings schlecht überführen. Nein, es sind nicht die Bücher von Lenz oder Marti, denen, aus naheliegenden Gründen, über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung zuteil wird. Nein, diejenigen, die Erfolg haben, machen sich so genau wie wenig andere das Hochdeutsche zu eigen.

Unter den Erfolgreichen ist zum Beispiel der Winterthurer Peter Stamm, der mit seiner Kühlschrank-Prosa eine Sprache für Zwischenmenschliches gefunden hat, die auch in Deutschland für viele Buchverkäufe sorgt.

Sie alle arbeiten jahrelang an ihren Texten, sie sind wahre Wenigschreiber und Verdichter, das Schreiben fällt ihnen nie leicht. Und wenn sie etwas publizieren, dann sind es meist schmale Bändchen. Ausnahmen wie Adolf Muschg oder Hermann Burger, die aus ihrer Bildungsfülle heraus auch wahre Wälzer geschöpft haben, bestätigen die Regel. Eine Ausnahme anderer Art ist der Erfolgsschriftsteller Martin Suter, der die Kunst des Plots und des Dialogs beherrscht wie wohl kein anderer seiner Schweizer Kollegen. Allein, waren seine beiden ersten Romane , Small World und Die dunkle Seite des Mondes , von eigenständiger Erzählkraft, konnte er diese Energie in den nachfolgenden Werken nicht mehr entfachen.  

Und dann ist da Peter Weber, der Eigensinnige, ein Planet seiner selbst. Seit seinem Wettermache r , 1993 bei Suhrkamp erschienen, geht er konsequent seinen eigenen Weg. Weber, auch ein musikalisches Talent, erfindet sich seine Sprache gleich selbst, hat den Anspruch, das Dingliche zu versinnlichen. Michel Mettler sagt: "Er zieht das Hochdeutsche an den eigenen Haaren aus seinem Sumpf. Bei ihm wird es plötzlich breit, burlesk, feierlich."

Aber diese Arbeit am Sprachlichen hat auch ihre Kehrseite. Einher mit diesem Kampf um das richtige Wort, den richtigen Satz, den richtigen Ton geht nämlich ein gewisser Mangel an Inhalt. Die großen Stoffe scheinen die Sache der zeitgenössischen Schweizer Autoren nicht. Da haben sich bislang nur Thomas Hürlimann und Lukas Bärfuss hervorgetan. Auf den großen Roman aus der Welt der Banken warten wir bis heute vergeblich.

Wird es immer so weitergehen mit der Exzellenz in Sachen Literatur aus der Schweiz? Es ist zu hoffen. Fragt man Peter Bichsel, dann fürchtet er eigentlich nur etwas: die Verdrängung des Dialekts aus dem Alltag. Ansinnen wie ein Verbot der Mundart im Kindergarten verfolgt er mit Schrecken: "Wenn wir unsere eigene Sprache nicht mehr sprechen dürfen, wird es viel weniger Schriftsteller in der Schweiz geben." Man möge ihn Lügen strafen.